
Die Rocky Mountains werden durch Bergseen geteilt.

Im Waterton Lakes National Park tummeln sich viele Schwarzbären.

Die Park Wardens trainieren regelmäßig den Ernstfall. Im Sommer, wenn im Nationalpark Hochsaison ist, müssen sie immer wieder unvorsichtige Touristen retten.

Auf dem See fahren kleine Boote.

Rehe genießen die warmen Strahlen der Sonne in der Abenddämmerung. Die Tiere kommen bis ins kleine Örtchen Waterton.

Idylle am Wasser.

Derek Tilson in seinem Reich. Der Park Warden lebt seit Jahren im Waterton National Lakes Nationalpark und kennt die Gegend wie seine Westentasche.
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WATERTON/ALBERTA. Das Funkgerät knarrt „4,6,4?“ Die Stimme klingt abgehakt. „4,6,4?“ Derek Tilson bestätigt. Der Park Warden erfährt, dass sich ein Schwarzbär in der Stadt im Herzen des Waterton Lakes National Park herumtreibt. Er springt in seinen Pick-up-Truck und fährt los. „Es ist wichtig, dem Tier klar zu machen, dass es im Ort nicht willkommen ist“, sagt der 52-Jährige entschlossen. Augen für die Schönheit des „Camron Falls“, eines Wasserfalls direkt an der Evergreeen Avenue, hat er jetzt nicht.
Er stellt seinen Wagen ab, überprüft seine Ausrüstung: Steinschleuder und Silberkügelchen, Pistole und Bärenspray. Ganz vorsichtig bewegt er sich durch kniehohes Gestrüpp auf die Stelle zu, wo er den Schwarzbären vermutet. Und richtig: Meister Petz hat es sich auf einem Baum gemütlich gemacht. Seit 28 Jahren arbeitet Derek Tilson als Park Warden (Parkwächter) in kanadischen Nationalparks. Seit 25 Jahren ist der Waterton Lakes National Park sein Zuhause. Und hier, am südlichen Zipfel der kanadischen Provinz Alberta, im kleinen Örtchen Waterton, gehören die Besuche von Schwarzbären nun mal zur Tagesordnung. Daher reagiert der Parkwächter gelassen. Um den etwa ein Jahr alten Schwarzbären nicht noch weiter auf den Baum zu treiben, entschließt er sich, zunächst abzuwarten. Er geht zurück zur Straße, um kein
Aufsehen zu erregen.
Entspannt lehnt er sich mit dem Rücken an seinen weißen Pick-up. Nur wenige Fahrzeuge passieren ihn. Die meisten Autofahrer sind ihm bekannt. Ein freundliches Lächeln, ein Kopfnicken, eine Hand zum Gruß. Gerade einmal knapp 100 Einwohner zählt die Stadt Waterton im Herzen des Nationalparks. Jeder kennt hier jeden. Zum Schutz der Bürger steht der Park Warden an der Straße. Und zum Schutz der Touristen, die jedes Jahr in den Park strömen. Ende September ist wieder Ruhe in dem beschaulichen Örtchen eingekehrt. Die wenigen Hotels, Motels und Campingplätze leeren sich, die Saisonkräfte verlassen die Stadt. Und so rollen nur wenige Fahrzeuge an Tilson vorbei, deren Insassen er nicht kennt.
Für die wenigen Touristen, die sich jetzt noch hier aufhalten, hat der Park Warden dieses gelangweilte Gesicht aufgesetzt, was soviel bedeutet wie: Es ist alles ruhig, nichts los. Obwohl, nur wenige Meter von ihm entfernt, ein Schwarzbär jede seiner Bewegungen genau verfolgt. „Im Sommer kann es Dir passieren, dass plötzlich 50 bis 60 Leute in einer Traube um dich herumstehen, wenn du deinen Job machen willst“, sagt er. Das sind brenzlige Situationen, die es zu vermeiden gilt. Plötzlich spürt er hinter seinem Rücken eine Bewegung. Der junge Bär ist vom Baum geklettert und trollt sich. Erleichtert atmet Tilson auf. Um ganz sicher zu gehen, bleibt er noch eine Weile. Als klar ist, dass das Tier nicht mehr zurückkommt, fährt er zurück zum Büro der Park Wardens.
Das liegt am Tor zum Waterton Lakes National Park, dort, wo das flache Prärieland auf die gewaltigen Berge der Rocky Mountains trifft. Nur eine Straße führt in den Park hinein. Sie schlängelt sich durch das Grasland. Dann erheben sich innerhalb nur eines Kilometers bis auf 3000 Meter majestätisch, kalt und abweisend die Ausläufer der Rocky Mountains.
Zwischen zwei Bergketten liegen drei Seen, die Waterton Lakes, die von der Herbstsonne in ein tiefes Blaugrün getaucht werden. Wer die Grenze des Parks überschreitet, den kann dann durchaus das Gefühl beschleichen, ein Eindringling zu sein. Noch unberührt wirkt hier alles. Und nicht nur die Natur. In Waterton scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wer durch die Straßen der Stadt schlendert, wird vergeblich nach Supermärkten, modernen Konsumtempeln, mehrstöckigen Hotels oder Tiefgaragen Ausschau halten. Nur ein Tante-Emma-Laden versorgt den Ort mit dem Nötigsten an Lebensmitteln. Es gibt zwei Restaurants, einen Eisladen und eine Autowerkstatt. Wer gemütlich einen Kaffee trinken möchte, der trifft sich mit Gleichgesinnten im „Borderline Books und Coffee-Shop“. Hier werden zwischen alten und neuen Büchern und Zeitungen leckere Kuchen, Bagels und Muffins verkauft, Neuigkeiten ausgetauscht und die große Weltpolitik diskutiert.
Es fällt auf, wie sauber das beschauliche Städtchen ist. Nirgends liegt Müll. Große, grüne, luftdichte Container stehen fast an jeder Ecke. Der Deckel ist nur schwer zu öffnen. Müllentsorgung ist ein großes und ernst zu nehmendes Thema in „bear country“, im Bärenland. Abfallgeruch lockt die mächtigen Gesellen an. Und das muss vermieden werden. Die Einwohner Watertons haben gelernt, mit den Wildtieren zu leben. Sanft schlagen die Wellen des Upper Waterton Lake an das steinige Ufer. Er ist mit 150 Metern der tiefste See der Rocky Mountains, was übrigens kaum über die Grenzen Kanadas hinaus bekannt ist.
Ebenso wenig bekannt ist, dass hier die erste Ölquelle der Provinz Alberta erschlossen wurde. Die weltberühmten Rocky Mountains mit den beiden nicht weniger berühmten Nationalparks Banff und Jasper locken jährlich Heerscharen von Weltenbummlern nach Alberta. Der Waterton Lakes Nationalpark führt im Schatten dieser beiden Parks ein stiefmütterliches Dasein.
Leben mit Pumas und Bären
Nur 420 000 Besucher zählen die Park Wardens durchschnittlich im Jahr. Die 100 Männer, Frauen und Kinder von Waterton scheinen darüber jedoch nicht enttäuscht zu sein. Sie tun alles, um ihr Schmuckstück zu erhalten. Vor ein paar Jahren stimmte die Mehrheit der Einwohner für einen Gemeindeplan, der die Expansion der Stadt durch zusätzliche Hotelanlagen, weitere Bauten und wirtschaftliche Projekte stark begrenzt.
Dass die einzigartige Naturlandschaft an der Grenze zu Montana (USA) schützenswert ist, das hatten übrigens schon früh die Männer erkannt, die die Prärie und die Berge eroberten. Bereits 1895 wurde das Gebiet in den Stand eines National Parks erhoben. Und damit war (und ist) der Park, wie heute mittlerweile 37 National Parks und National Park Reserves in ganz Kanada, durch Bundesgesetze geschützt. Alle Aktivitäten, die natürliche Ressourcen verbrauchen, wie zum Beispiel Bergbau, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Jagd, sind verboten.
Jahrzehnte später, 1932, machte Waterton Lakes erstmals Schlagzeilen. Direkt an der Grenze zu Montana und dem dortigen Glacier National Park gelegen, erkannten engagierte Amerikaner und Kanadier, dass Umweltschutz nicht an Grenzen Halt macht. Und so stimmten beide Regierungen der Gründung des „Waterton-Glacier-International-Peacepark“ (Friedenspark) zu.
Er war der Erste seiner Art weltweit. Doch auch wenn der Name vermuten lässt, dass es sich um einen großen Park handelt, so werden sowohl Waterton Lakes als auch der Glacier National Park weiterhin getrennt verwaltet und von Park Wardens (Kanada) und Park Rangers (USA) geschützt. Wer die Grenze überschreiten möchte, muss daher an Übergängen die üblichen Reiseformalitäten abwickeln. Noch mehr Anerkennung erhielt das einzigartige Ökosystem im Jahre 1979, als die Vereinten Nationen es zu einem internationalen Biosphäre-Reservat erklärten.
Seit 1995 ist der Waterton Lakes National Park ein Weltkulturerbe der Unesco. Grizzlys, Schwarzbären, Schneeziegen, Antilopen, Kojoten, Pumas und Hirsche leben in diesem 525 Quadratkilometer großen Gebiet. Sie sind Reisende über die Grenzen hinweg. Dank der Abgeschiedenheit hat sich im Waterton Lakes National Park über die Jahrhunderte eine große Artenvielfalt erhalten. Nur die mächtigen Bisons, die einst die Prärien bevölkerten, sind verschwunden.
Nein, nicht ganz. Im Nationalpark hat man auf einem eingezäunten Gebiet ein kleine Herde dieser mächtigen Tiere angesiedelt. Für Tierfreunde aus aller Welt ist der Park Anziehungspunkt. Auf Wanderwegen oder auf den wenigen geteerten Straßen mit dem Auto kann das Gebiet, in dem Botaniker mehr als 800 verschieden Wildblumen zählen, erkundet werden. Für Besucher ist am Parkeingang ein Informationszentrum eingerichtet. Hier erfährt man nicht nur alles Wissenswerte über Aktivitäten und Wanderwege, sondern auch, wie man sich beim Aufeinandertreffen mit Wildtieren zu verhalten hat.
Während Pumas und Kojoten für den Menschen meist unsichtbar auf den Berghängen und in den Wäldern umherstreifen, ist es vor allem Meister Petz, von Natur aus eher auch ein schüchterner Geselle, der mit seinem Auftauchen bei Besuchern für Aufregung sorgt. Angesichts der putzig aussehenden Tiere, ob Schwarzbär oder Grizzly, vergisst so manch ein Großstadtheld, dass es sich hier um gefährliche Raubtiere handelt. Park Warden Derek Tilson kann einige Geschichten über Aufeinandertreffen von Mensch und Tier erzählen. Und nicht alle verliefen glimpflich. Für Mensch und Tier.
Die Erfahrung hat gelehrt, dass umfangreiche Informationen über Lebensraum und Verhalten der Tiere und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für ein angemessenes Verhalten der Parkbesucher Wirkung zeigen. Seit Derek Tilson und seine Kollegen im Park Präsenz zeigen und jederzeit Ansprechpartner sind, gegebenenfalls auch Wege sperren, wo Raubtiere gesichtet wurden, ist die Zahl der Unfälle zurückgegangen.
„Wir schützen die Menschen vor dem Park, wir schützen den Park für die Menschen, aber wir schützen den Park auch vor den Menschen“, sagt Tilson über die Arbeit der Park Wardens. In Waterton, dort, wo in der Evergreen Avenue am Morgen noch Bärenalarm war, hat es sich mittlerweile ein Herde Rehe gemütlich gemacht. Sie äsen auf dem Campingplatzgelände. Einige Bergziegen stromern auch durch den Ort. Von den Menschen lassen sie sich nicht stören. Und diese halten respektvoll Abstand zu den Wildtieren. Sie haben gelernt, im Einklang mit ihnen zu leben.
Bilder: Kerstin Wahl (2), Alberta Tourism (1)
Erschienen: Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießen Anzeiger, Usinger Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Lauterbacher Anzeiger, Kreis Anzeiger) |