
Die Mammut-Dünen von Sossusvlei im Namib-Naukluft-Park in Namibia sind Kunstwerke der Natur.

Mit dem Geländewagen geht vieles leichter. Auch das ,,Schwimmen'' in weichem Sand, der neben Schotterpisten das Gelände dominiert.

Die Weber-Vögel bauen kunstvolle Gemeinschaftsnester in die Baumwipfel.

Tankstellen gibt es nicht sehr viele entlang der Schotterpisten. Sie sind wichtige Ruhezonen für Autofahrer. Manchmal strömt den Touristen neben Benzingestank auch der Duft frischgebackenen Apfelkuchens in die Nase.

Wer den Spreetshoogte Pass erklimmt, wird mit einem atemberaubenden Blick auf die Namib-Wüste belohnt. Sie ist die älteste Wüste der Welt.

Lebendes Fossil: die Welwitschia Mirabilis kann über 2000 Jahre alt werden.

Farbenprächtiges Spektakel: die Sonne geht langsam hinter dem Horizont unter.

Schilder warnen Autofahrer vor den Gefahren der Schotterpisten. Wer zu schnell fährt, kann ins Schleudern geraten.

Eine Oryx-Antilope zieht in karger Landschaft ihres Weges.

In der alles versengenden Sonne des afrikanischen Landes wächst nur wenig. Doch selbst ausgedörrte Bäume wirken hier wie Kunstwerke.
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NAMIBIA. Das Herz klopft. Trotz der Klimaanlage fließt der Schweiß in einem kleinen Rinnsal langsam den Rücken hinunter. Die Finger verkrampfen sich um das Lenkrad. Die Augen fixieren einen ausgedörrten Baum am Horizont. Verloren sieht er aus. Sand, nichts als Sand. Wohin das Auge blickt. Fast werden die gewaltigen Mammut-Dünen von Sossusvlei im Namib-Naukluft-Park zur Nebensache. Hier ist der Weg das Ziel. Ist die Fahrt in tiefem Sand die Herausforderung. Das Abenteuer, das es zu bestehen gilt, um eines der berühmten Naturwunder Namibias im südlichen Afrika bestaunen zu können.
Das Schild auf dem Parkplatz, in dem die Schotterpiste endet, ist unmissverständlich. Wer den Dünen richtig nah kommen will: „Only 4x4“, nur mit Allrad. Und 5000 Meter weicher Dünensand sind eine echte Herausforderung für den teergewohnten Autofahrer. Gang rein, gefühlvoll Gas geben und bloß nicht anhalten.
Wie war das doch gleich? Ich versuche mich an die Tipps des Experten zu erinnern. Um meine Chancen zu verbessern, die Reise durch Namibia als Selbstfahrer einigermaßen unbeschadet zu überstehen, absolviere ich bei meiner Ankunft in Windhoek bei der Autovermietung Hertz einen Crash-Kurs im Geländewagen fahren. Am Stadtrand verfeinert eine Gruppe unwissender beziehungsweise mit einer gehörigen Portion Halbwissen ausgestatteter Dertour-Touristen ihre Fahrkünste.
Rau geht es dabei zu. Rau ist auch das Gelände, das wohl eine Miniaturabbildung der Straßenverhältnisse des Gastlandes sein soll. Es gilt einen steilen Berg zu erklimmen und bei der Talabfahrt dem Wagen viel Vertrauen entgegenzubringen. Der Fahrer muss es schaffen, die Falllinie zu halten, alles andere aber seinem Gefährt zu überlassen. Obwohl der Drang unbändig ist, auf Kupplung und Bremse zu treten, um die Kontrolle zu behalten, bin ich bei dieser Übung wie paralysiert. Ich lausche nur noch den beruhigenden Worten des Fahrlehrers und lasse mich talabwärts schaukeln. Geschafft.
Aber wo war eigentlich der Sand? Jetzt, wo ich im Namib-Naukluft-Park mit meinen „Offroader“ stehe und sich meine Hände am Lenkrad vor Aufregung verkrampfen, fällt mir ein, dass die entscheidende Einweisung „im Sand fahren“ nur theoretisch abgearbeitet wurde. Es hilft nichts. Ich lege den zweiten Gang ein, stelle auf „4x4 L“, fixiere den Baum am Horizont und gebe Gas. Der Fuß geht weiter nach vorn, die Geschwindigkeit nimmt zu. In meinem Ohr hallt der Satz: Bloß nicht anhalten! Der schwere Wagen schwimmt mehr durch den weichen Dünensand, als dass sich bei mir ein Fahrgefühl einstellt. Es ruckelt. Vor Schreck trete ich auf die Bremse. Es ist ein Reflex. Stillstand. Ein Fortkommen ist nicht mehr möglich.
Ausgerechnet auf ganz weichem Untergrund habe ich mich entschlossen, das Bremspedal zu betätigen. Der Versuch, die Fahrt fortzusetzen, scheitert. Die Reifen drehen durch, als ich Gas gebe. Tiefer sinkt der Wagen in den Sand. Das Herz klopft. Nicht nur bei mir, sondern auch mein Beifahrer sieht gestresst aus. Glücklicherweise sind noch mehr Abenteurer auf dem Weg zur roten Düne 45, der wohl bekanntesten Erhebung in Sossusvlei im Namib-Naukluft-Park. Hilfe kommt sofort.
Ein Tour-Guide nimmt glücklicherweise das Heft, beziehungsweise das Lenkrad in die Hand. Nachdem er ein bisschen Luft aus den vier Reifen gelassen hat – das sollte wirklich nur ein Profi mit sehr viel Fingerspitzengefühl oder ein Laie mit einer großen Luftpumpe im Kofferraum tun - setzt er sich ans Steuer meines Wagens und gibt Anweisung. Der Rest der Männer und Frauen schiebt, drückt und ruckelt auf Kommando. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis der „Offroader“ frei ist.
Im klimatisierten Inneren trocken die Schweißperlen wieder. Die Fahrt wird ohne weitere Komplikationen fortgesetzt. Vom letzten Haltepunkt aus können sportliche Abenteurer die Düne 45 zu Fuß erklimmen. Ich passe, zu weich sind noch die Knie nach der rasanten Fahrt in weichem Sand. Der Rückweg muss auch noch gemeistert werden. Nie hätte ich gedacht, dass einmal eine einfache Schotterpiste der Traum einer Straße für mich werden könnte. Als die Räder des Geländewagens schließlich nach fünf Kilometern wieder harten Untergrund greifen, ist die Erleichterung groß. Andere Dinge gewinnen an Bedeutung.
Sonnenuntergang in Ski-Unterwäsche
Zunächst einmal verlieren Sonnentop und weiße Leinenhose jedoch ihre sommerliche Strahlkraft, als sich die Dämmerung über das Land legt. Die Kälte kommt plötzlich und mit Härte. Sie wartet nicht auf die Dunkelheit.
Wohl dem, der in seinem Gepäck auch Fleece und dicke Baumwollpullover verstaut hat. Namibia ist geprägt von seinen Wüsten. Und womit der Europäer den Begriff Wüste sofort in Verbindung bringt, ist extreme Hitze. Die Schweißperlen bilden sich beim bloßen Gedanken an alles versengende Sonnenstrahlen auf der Stirn.
Nicht wenige Touristen, die mit diesem Gedanken im Kopf den Koffer für den Traumurlaub packen, vergessen, dass in den Regionen der Südhalbkugel, auf der ja die Jahreszeiten genau entgegengesetzt laufen, die Temperaturen auch im Winter enormen Schwankungen ausgesetzt sind. Steht die Sonne in der Mittagszeit am höchsten, werden deutlich über 20 Grad erreicht.
Nur wenige Stunden später sackt die Quecksilbersäule des Thermometers auf frostige fünf Grad und weniger ab. Aber egal ob sechs, fünf oder nur vier Grad über Null, wenn in Namibia die Sonne hinter dem unendlich scheinenden Horizont farbenprächtig untergeht, dann ist es eine Frage der Ehre, sich beim gemütlichen Abendessen auf der stimmungsvoll in Kerzenschein getauchten Terrasse der Lodge unter freiem Himmel zu treffen. Wohl dem, der bei Afrika und Wüste sofort auch an flauschig-weiche Ski-Unterwäsche und die wärmende Jacke gedacht und auch eingepackt hat.
Windhoek ist die Hauptstadt Namibias. Hier nimmt stets alles seinen Anfang, hier nimmt der Reisende ersten Kontakt auf mit seinem exotischen Reiseziel. Doch so exotisch kommt die rund 350.000 Einwohner zählende Stadt gar nicht daher. Ganz im Gegenteil. Häufig schwirren deutsche Worte durch die Luft. Die Christuskirche, das Wahrzeichen des eher beschaulichen Städtchens, erinnert unter anderem an die Zeit, als Namibia von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie war. Viele Nachfahren deutscher Aussiedler leben noch heute in Namibia.
Es gibt deutschsprachige Tageszeitungen, Gottesdienste oder Gesangvereine, die lautstark deutsche Weisen schmettern. Auch der eine oder andere deutsche Politiker hat schon seine Spuren in dem südafrikanischen Land, das seit seiner Unabhängigkeit 1990 auch Demokratie ist, hinterlassen. Nach dem Liberalen Hans-Dietrich Genscher zum Beispiel ist eine Straße benannt.
Geteert, breit und gut ausgebaut führt sie durch Windhoek. Erwähnenswert deshalb, weil eine solche Beschreibung sonst auf kaum eine der dünnen Verkehrsadern, die Namibia durchziehen, zutrifft. Vielmehr sind es Schotterpisten, die die wenigen menschlichen Siedlungen miteinander verbinden.
Geländewagen sind für Einheimische robuste Arbeitstiere, für Individualreisende, die sich dem ungeschminkten und rauen Charme des Landes stellen wollen, geben Fahrzeuge mit Allradantrieb Sicherheit.
Denn Autofahren hat in Namibia rein gar nichts Entspannendes, was auch an den Informationen des Auswärtigen Amtes abzulesen ist: „Eine Anzahl deutscher Urlauber auf Namibias Landstraßen verunglückt schwer, manchmal sogar tödlich.“ Häufigste Ursache hierfür ist überhöhte Geschwindigkeit auf den Schotterpisten. Nach der Kontrolle von Bremsen und Reifenzustand, Werkzeug und Wagenheber und dem Wissen, zwei Reserveräder im Kofferraum zu haben, beginnt das kernige Abenteuer, das ganz nah an die Schönheiten Namibias heranführt.
Neben den sattgrünen Flussoasen im Caprivi-Streifen im Nordosten, der wilden Skelettküste, dem Küstensaum zwischen Extremen von Wüste und Atlantikküste, oder auch dem Etosha Nationalpark im Norden mit seinem Tierreichtum, ist es vor allem die so fremdartig und doch so faszinierende Wüste, die eine magische Anziehungskraft ausübt.
Wüste (lateinisch: vastus) heißt übersetzt „öde, leer, weit, Ort, wo nichts ist“. Das Versprechen nach Stille und Einsamkeit schwingt mit. Ziel ist daher die Wüste Namib, Namensgeber des afrikanischen Staates. Das „Nichts“ bietet majestätische Sanddünen und in Jahrmillionen entstandene Kunstwerke der Natur.
Von Windhoek aus geht die Autofahrt zunächst in Richtung Süden bis zum Spreetshoogte Pass. Steil führt der Weg auf der Schotterpiste bergauf. Oben bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Namib-Wüste, die älteste Wüste der Welt, die sich von Nord nach Süd rund 2000 Kilometer erstreckt und bis zu 160 Kilometer von der Küste aus ins Landesinnere hineinragt. Weit über 80 Millionen Jahre alt ist sie.
Apfelkuchen und Benzin
Wie aus dem Nichts taucht plötzlich eine kleine Ansammlung von Häusern am Wegesrand auf. In Solitaire stehen Zapfsäulen bereit, um den Benzindurst des fahrbaren Untersatzes zu löschen. Hier kann der Reisende den Reifendruck überprüfen und gegebenenfalls erhöhen. Die Tankstellen, die in einem der am dünnsten besiedelten Länder der Welt logischerweise nicht an jeder Straßenecke zu finden sind, sind auch wichtige Ruhezonen nach einer stundenlangen Autofahrt.
In der kleinen Siedlung mitten im Nirgendwo geht dem deutschen Urlauber das Herz auf, als er die quietschende Eingangstür zum Café öffnet. Köstlicher Duft strömt ihm entgegen, der von dem reichlich gedeckten deutschen Apfelkuchen ausgeht, der auf großen Backblechen angeboten wird. Ein Genuss.
Wenn sich schließlich die Dunkelheit über die Namib-Wüste legt, die Kälte mit Macht aufsteigt und die Wärme vertreibt, richtet sich der Blick nicht mehr auf Schotterstraßen, Tanknadeln oder auf Gesteinsformationen, sondern gen Himmel. Fernab jeglicher Lichtverschmutzung kann man in den klaren, dunklen Nächten die Milchstraße deutlich sehen. Als helles, wolkiges Band zieht sie sich über den gesamten Himmel.
Dieses gigantische Funkeln am Himmel, gepaart mit der nächtlichen Stille, in der der Flügelschlag einer Mücke leicht zu einem Trommelwirbel anschwellen kann, ist ein Genuss für die überreizten Sinne eines Großstädters. So nachhaltig ist das Schauspiel, dass der Sternengucker am nächsten Morgen auf der Weiterfahrt die Frage in die unendliche Weite rufen möchte: Wo bitte geht’s zur Milchstraße? Die Suche nach der Auffahrt ist vergeblich.
Von Erfolg gekrönt dagegen ist die vorsichtige Annäherung an die Tierwelt. Die schwarzen, sich hektisch bewegenden Punkte am Horizont entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Warzenschweine, die auf der Flucht vor Eindringlingen ihre Schwänzchen steil nach oben stellen und dadurch lustig anzusehen sind. Genau wie die Springböcke, die mit ihrer Art der Fortbewegung, auf allen Vieren in die Luft zu springen und dabei einen Katzenbuckel zu machen, dem Zweibeiner wohl für immer ein Mysterium bleiben werden.
Nicht stören lässt sich dagegen eine Oryx-Antilope, auch Spießbock genannt. Das grau-schwarze Fell und die gewaltigen Hörner verleihen ihr ein majestätisches Aussehen und ringen dem Beobachter ob ihrer Fähigkeiten, in der Hitze und Trockenheit überleben zu können, Hochachtung ab. Auch Pflanzen sind wahre Überlebenskünstler.
Eine faszinierende Art ist die Welwitschia Mirabilis, die aussieht wie eine Lebensform aus dem All, wie sie so flach auf den Wüstenboden gedrückt daliegt. Über 2000 Jahre alt kann das lebende Fossil werden. Die Steinkreise, die namibische Naturschützer um die Größten gelegt haben, sollen allzu neugierige Besucher auf Distanz halten. Jeder Schritt, jede unbedachte Annäherung kann das sensible Ökosystem, in dem die fossilen Pflanzen tagtäglich ihren Überlebenskampf führen, verändern. Zurück auf der Schotterstraße reihen sich Pistenkilometer an Pistenkilometer.
Bis die gewaltigen Mammut-Dünen von Sossusvlei im Namib-Naukluft-Park auftauchen. In intensiven Farben und in scharfen Konturen zum stahlblauen Himmel abgetrennt, fliegen sie vorbei. Die Farbschattierungen variieren von blass gelb bis leuchtend rot und orange. Bis zu 300 Meter hoch können sie sich auftürmen. Die frühen Morgenstunden sind übrigens die beste Zeit, um die farbenprächtigen Sanddünen von Sossusvlei zu besuchen.
Weiter westwärts Richtung Küste verändert sich plötzlich der Himmel. Dunkle Wolken hängen tief über dem Land. Dem Namibier schlägt bei dem Anblick das Herz höher, versprechen sie doch Abkühlung. Vor allem im Sommer. An der Küste angekommen taucht der Reisende in dem beschaulichen Küstenstädtchen Swakopmund wieder in die Zivilisation ein. Auch dieser Ort ist geprägt von der Kolonialarchitektur.
Die sanften Wellen des Atlantiks rollen auf dem flachen Sandstrand aus. So viel Wasser. Kaum zu glauben, dass man nur wenige Kilometer von der Trockenwüste Namib entfernt ist. Der Baumwollpullover spendet angenehme Wärme. Am Abend versperren die Wolken den Blick zu den Sternen. Die Sehnsucht wird stärker, in die Namib-Wüste zurückzukehren, wo man dem Himmel ein Stückchen näher ist.
Text und Bilder: Kerstin Wahl |