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Taiwan: Asien-Neulinge im Gefühlschaos
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Naturschönheiten im Osten des Inselstaate - Moderne und Tradition
 


Im Herzen der Insel prägen Teeplantagen das Bild. Die Frauen zupfen in mühevoller Kleinarbeit die Blätter von den Pflanzen. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.


Der „Taipei 101“ überragt die Hauptstadt Taiwans, Taipeh. Er ist einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt.


Der Lungshan-Tempel im Zentrum der Metropole vereint gleich mehrere Religionen auf engstem Raum. Verschiedene Gottheiten behaupten in dem Tempel ihren Platz.


Im Foguang Shan Kloster leben buddhistische Mönche, Frauen und Männer gleichermaßen. Touristen können hier sogar übernachten.


Stippvisite beim Gründer des taiwanischen Staates, Chiang Kai-shek: Seine riesige Statue ist in einem Gebäude untergebracht, das eingebettet in eine Parkanlage liegt.


In den Restaurants sollten Touristen nach Herzenslust schlemmen und Neues ausprobieren. Die Küche Taiwans besticht durch ihre Vielfalt, Frische und Leichtligkeit.


Auf dem Nachtmarkt in Taipeh heißt es auffallen um jeden Preis. Dieser junge Mann lenkt mit seinen Engelsflügeln die Aufmerksamkeit auf sich. Was für Waren er anbietet, spielt für den Beobachter keine Rolle.


Die Taroko-Schlucht ist ein Höhepunkt für Taiwan-Besucher.


Der Inselstaat ist für seinen hervorragenden Reis bekannt. Die Felder dominieren in einigen Gebieten die Landschaft.


Start- und Endpunkt der Reise: Taipeh mit dem 101, der doch meist aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit im Nebel verschwindet.

 

TAIWAN. Eine zarte Person findet noch Platz. Auch wenn dafür all die Menschen, die sich bis vor wenigen Minuten noch nie vorher begegnet sind, noch enger zusammenrücken müssen. In diesem Moment liegt der Vorteil für den Touristen aus der westlichen Welt unter all den Asiaten eindeutig in seiner Größe, gewährt sie ihm doch etwas Mehr an Sauerstoff. Ein bisschen den Bauch einziehen, die Tür schließt sich, vorsichtig ausatmen. Schon ist der Spuk, vielmehr die Fahrt, vorbei. In gerade einmal 39 Sekunden hat der wohl schnellste Fahrstuhl der Welt die vollbesetzte Kabine die 382 Höhenmeter bis zur Aussichtsplattform des „Taipei 101“, in Taipeh einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt, katapultiert.

Ein leichter Druck auf den Ohren macht die Geschwindigkeit dieses Hightech-Gefährtes fühlbar. In diesem Moment wird er auch zum Symbol dafür, wie sich der kleine Inselstaat im West-Pazifik seinen Gästen vorstellt: rasant, modern, aufstrebend, selbstbewusst und – dicht besiedelt. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 640 Menschen pro Quadratkilometer. Da kann es schon einmal eng werden. Zumal es nicht wenige Landstriche auf der 36 300 Quadratkilometer großen Insel gibt, wie die Bergketten im Inneren des Landes, die kaum je ein Mensch betreten hat.

Aber auch die Tradition, die 4000 Jahre alte Kultur des Landes ist spürbar. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Häuserschluchten der Millionenstädte findet sie ihren Platz. Es ist eine Mischung, die es dem Taiwan-Entdecker nicht gerade einfach macht.

Nicht selten muss er verwirrt inne halten. Gerade Asien-Neulinge stürzt dieses kleine Land vor der Küste Chinas, das gerade einmal die Größe Baden-Württembergs hat, immer wieder in ein Gefühlschaos. Vieles begeistert, beeindruckt, raubt einem schier den Atem und macht neugierig auf mehr. Einiges lässt den Betrachter aber verständnislos und fragend zurück, manches lässt ihn sich auch schlicht nach einem kurzen Moment abwenden. „Land der 1000 Überraschungen“ wird es genannt – wie treffend doch Werbeslogans sein können.

„Made in Taiwan“, aufgedruckt auf den Rückseiten von Plastikspielzeug, Computern oder Mobiltelefonen ist mittlerweile ein Begriff. Als Ziel für Touristen ist der Inselstaat, der sich seit den 90er Jahren zu einer parlamentarischen Demokratie mit einem direkt gewählten Präsidenten entwickelt hat, noch eher unbekannt.

Taiwan wird daher selten als Haupt-Urlaubsland angesteuert, eher noch für einen Stopp-Over für Flugreisenden oder als willkommene Abwechslung für den Landgang bei Kreuzfahrten. Noch. Denn auch in diesen Bereich investieren die Taiwaner viel, die ausdrücklich nicht als Taiwanesen bezeichnet werden wollen – wegen der in dem Wort suggerierten Nähe zu den Chinesen, die den Inselstaat immer noch als abtrünnige Provinz sehen.

Rasante Geschwindigkeit

Das aufstrebende Land, das international vor allem in der Hochtechnologie, wie zum Beispiel der Chipherstellung, einen klangvollen Namen hat, investiert viel in die touristische Infrastruktur. Und die Taiwaner tun dies mit der ihnen ganz eigenen, rasanten Geschwindigkeit. So entstehen Nationalparks, die Berge, Schluchten, fruchtbare Hügel und Täler schützen und für jedermann zugänglich machen sollen. Hotels schießen in den Millionenstädten wie Pilze aus dem Boden und locken mit westlichem Standard ihre Zielgruppen.

Erste Annäherungen an die „Ilha Formosa“, die „schöne Insel“, wie sie von portugiesischen Entdeckern im 16. Jahrhundert genannt wurde, finden in Taipeh statt. 1960 noch verschlafene Provinz, ist sie heute größte Stadt, Regierungssitz sowie kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. In den Häuserschluchten im Norden der Insel ist der Herzschlag der Metropole stark und deutlich hörbar.

Mit voller Wucht trifft den Asien-Neuling das pulsierende Leben, wenn er bei Einbruch der Dunkelheit einen der zahlreichen Nachtmärkte besucht. Fremdartige Gerüche wabern dem entgegen, der sich vergeblich um einen Überblick über das unglaublich vielfältige Warensortiment verschaffen möchte. Kleidung, Schuhe, Handyläden, allerlei Tand aus Plastik, CD- und DVD-Läden und, und, und.

Genießt die Küche Taiwans mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten ansonsten ein hohes Ansehen und besticht durch ihre Frische, Leichtigkeit und Vielfalt, so werden Augen, Nase und Magen desjenigen auf eine harte Probe gestellt, der sich näher an die dicht stehenden Essensstände auf einem Nachtmarkt heranwagt.

Schlangen, aufgespießte Tintenfische und allerlei Unbekanntes werden hier angeboten. Und das in einer Umgebung, wo der deutsche Tourist sofort und lautstark nach seinen Lebensmittelkontrolleuren rufen würde. So fremdartig dies auf den Asien-Neuling wirkt, kommt er nicht umhin, begeisterten Beschreibungen der Fans dieser Märkte zu lauschen. Auch am Tag bietet Taipeh allerlei Sehenswürdigkeiten.

Ein unbedingtes Muss ist das Wahrzeichen der Stadt, der „Taipei 101“. Der beeindruckende Beweis für die wirtschaftliche Entwicklung ragt wie ein Finger 508 Meter in die Höhe.

Direkt am Stadtrand erwartet den Reisenden das berühmte Nationale Palastmuseum und damit verbunden die weltweit bedeutendste und mit 620 000 Exponaten größte Sammlung chinesischer Kunstschätze. Auch hier herrscht hektische Betriebsamkeit, die dem westlichen Besucher das Gefühl gibt, sich im Gewusel eines übergroßen Ameisenhaufens zu bewegen.

Ein Gefühl, das sich noch verstärkt, wenn er den Lungshan-Tempel betritt. Hier vereinen sich gleich mehrere Religionen auf engstem Raum, behaupten verschiedene Gottheiten ihren Platz in einem Tempel, der wie ein Fremdkörper wirkt. Ragen doch rundherum dunkelgraue Hochhäuser auf. Jung und Alt kommen in dem Tempel zusammen, ihre Opfergaben reichen von Früchten oder Gemüse bis hin zu Nudeln oder Fertigsuppen. Fremdartige Rituale wiederholen sich, alle werden mit ernsten Gesichtern konzentriert ausgeführt.

Wer mehr über die Geschichte des kleinen Inselstaates erfahren will, der macht eine kurze Stippvisite beim Gründer des taiwanischen Staates, Chiang Kai-shek. Seine riesige Statue ist in einem Gebäude untergebracht, das eingebettet in eine Parkanlage liegt.

Mit High Speed in die Natur

Nach so viel asiatischer Stadtluft sehnt man sich nach Ruhe, Stille und frischer Luft, nach Natur. Die ist schnell erreicht. Bringt doch ein Hochgeschwindigkeitszug Reisende schnell von Taipeh die dichtbesiedelte und wenig attraktive Westküste entlang Richtung Süden. Der „High Speed Rail“, soviel Englisch muss sein, gibt den Zugreisenden das Gefühl, durch die Landschaft zu fliegen. Einen kurzen Moment beschleicht einem das Gefühl, dass er bei Tempo, na ja, so um die 260 Stundenkilometern, hoffentlich rechtzeitig zum Stehen kommt und nicht über sein Ziel hinausschießt.

Apropos Englisch. Auch wenn sich Taiwan rasant entwickelt und sich auf der internationalen Bühne seinen Platz erobert hat, mit der Verständigung hapert es noch. Findet man in den Städten mit viel Glück den einen oder anderen Einheimischen, der Englisch spricht, wird es in den ländlichen Regionen erheblich schwieriger. Zwar blickt der fragende Reisende immer in freundlich lächelnde Gesichter – Taiwan ist für seine Gasfreundlichkeit berühmt. Klare Antworten erhält er dennoch nicht. So wird die Suche nach einer bestimmten Sehenswürdigkeit zu einer harten Geduldsprobe.

Auf der Suche nach Stille und Besinnung bietet sich ein Stopp im Foguang Shan Kloster an. Die buddhistischen Mönche, Frauen und Männer gleichermaßen, bieten Touristen sogar Übernachtungsmöglichkeiten an. Auch wenn das Klosterleben nach wie vor nach strikten Regeln organisiert ist, wird auch hier deutlich, dass vom Glauben allein niemand leben kann und es sich um ein durchaus florierendes Wirtschaftsunternehmen handelt mit Außenstellen in der ganzen Welt. Der „Berg des Buddhaglanzes“, so die Übersetzung, im Süden Taiwans ist weithin sichtbar:

Eine 30 Meter hohe, vergoldete Buddha-Statue hebt sich gegen den stahlblauen Himmel ab. 480 kleinere Ausgaben sind auch noch zugegen. Entspannter und fernab jeglicher Hektik strahlen die Schönheiten der Natur, die im Zentrum und im Osten des Inselstaates zu finden sind, deutlich heller. Zwei Drittel der Insel sind von einer faszinierenden in sattem Grün getauchten Bergwelt bedeckt.

Und genau hier und an der Ostküste finden sich unendliche Reisfelder, Tee-, Obst- und Gemüseplantagen, heiße Quellen, die zum Baden einladen, zerklüftete Küsten und tiefe Schluchten. Die berühmteste ist sicherlich die Taroko-Schlucht, die über Jahrmillionen von dem Fluss Liwu durch das Gestein aus Marmor und Granit gegraben wurde. Heute stehen diese Gesteine in bis zu 500 Meter hohen Wänden beiderseits des Flusslaufes. Kleine befestigte Wege laden hier zu kleinen Wanderungen ein. Allerdings kann bei den westlichen Touristen hier wieder das Gefühl aufkeimen, sich in einem großen Ameisenhaufen zu bewegen.

Die Schlucht zieht zigtausende Menschen im Jahr an und so kann es – wieder einmal – an manchen Stellen sehr eng werden. Auch hier ist wieder die Größe von Vorteil, wenn man über die Köpfe der Anderen hinweg einen Blick auf Naturschönheiten erhaschen kann.

Text: Kerstin Wahl
Bilder: Kerstin Wahl (9), Taiwan Tourism (1)
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Usinger Anzeiger, Kreis Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Camberger Anzeiger

     
 
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