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Cowboy-Romantik pur
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Viehtrieb, Lagerfeuer und Prärie: In Saskatchewan ist Raum für Abenteuer
 


So fühlt sich Freiheit an: In gestrecktem Galopp geht es über die unendlich scheinende Prärie Saskatchewans.


Vieh wird in den Hügeln von Cypress Hills zusammengetrieben.


Nach einem Ausritt genießen die Reiter den grandiosen Blick auf den Lake Diefenbaker.


Auf der Historic Reesor Ranch werden den Kälbern Brandzeichen in die Haut gebrannt.


In dem Saloon auf der La Reata Ranch sorgt Billardspielen für Abwechslung bei Touristen und Einheimischen.


Der Deutsche George Gaber hat sich in der Nähe von Kyle in Saskatchewan seinen Traum vom Cowboy-Leben erfüllt. Vieh mit dem Lasso einzufangen, gehört zu seiner täglichen Arbeit.


In Cypress Hills verzaubert die Landschaft die Hobby-Cowboys aus aller Welt.


Für Ruhm und Ehre: Die Cowboys versuche, sich so lange wie möglich auf dem Bullen zu halten.


Cowboys haben nach dem Viehtrieb die Kälber von den Kühen getrennt. Nun heißt es, sie für das "Branding" einzufangen.


Es dämmert, als die Reiter die Herde in Richtung Historic Reesor Ranch treiben.

 

SASKATCHEWAN. Der Fuchs beginnt nervös zu tänzeln. Die Reiterin zieht die Zügel fester an und klopft ihrem Pferd beruhigend auf den vor Schweiß glänzenden Hals. Dabei spürt sie selbst aufsteigende Nervosität. Am Horizont vermischt sich eine Staubwolke mit dem stahlblauen Himmel. Die flirrende Hitze wird durchdrungen vom Brüllen der Kühe, die langsam näher kommen. Als das erste Tier in der Ferne auftaucht, ist der Wallach kaum mehr zu bremsen. Seinen Versuch zu steigen vereitelt die junge Frau geschickt.

Sie muss laut lachen. Das ist es, wofür sie tausende Kilometer in das Herz Kanadas geflogen und noch einmal hunderte von Kilometern mit dem Auto gefahren ist. Cowboy-Romantik pur. Für die wenigsten steht das Land für Western-Style und Lagerfeuer-Flair. Darauf hat der Nachbar USA gewöhnlich
das Abonnement. Inmitten der hügeligen Landschaft von Cypress Hills, wie in so vielen Teilen der Provinz Saskatchewans, gehören Cowboys mit ihren Hüten
und Stiefeln, den verwaschenen Jeans mit den markanten Gürtelschnallen, den so genannt Buckles, allerdings zum alltäglichen Bild. Es ist eine Philosophie, die von vielen noch heute gelebt wird.

Das Cowgirl auf Zeit, Svenja aus Deutschland, hat die Aufgabe übernommen, die Viehherde am Überqueren des Flusses an einer Furt zu hindern. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals, zumal ihr Pferd kaum noch zu bändigen ist. Dessen stakkatogleiches Dribbeln steht im Gegensatz zu dem Tempo, mit dem sich die
Viehherde nähert, ist diese dann doch eher gemächlich unterwegs. Immer wieder bleiben Tiere stehen, um ein paar Mäuler voll Gras zu nehmen. Diese Langsamkeit und die Ruhe, die die Männer und Frauen auf ihren Pferden
ausstrahlen, die mit lauten Schnalzrufen und kreisenden Lassos den Tross in Bewegung halten, geben Svenja Sicherheit.

Die junge Frau wird eingehüllt von Staub, der ihr den Atem raubt. Entschlossen rückt sie aber ihre Kopfbedeckung zurecht und zieht das Halstuch über Mund und Nase, wo das modische Western-Accessoire seinen ganz praktischen Sinn bekommt. Das Nachwuchs-Cowgirl ist wild entschlossen, den Rindern die Stirn zu bieten.

Es ist ein Kalb, das sie plötzlich keck herausfordert. Ein bisschen aufmüpfig, ein bisschen neugierig streckt es seine Nase in ihre Richtung und trabt entschlossen los. In Richtung Furt. Kaum hat die Reiterin auch nur daran gedacht, die Zügel herumzureißen, setzt ihr Pferd die Bewegung bereits geschmeidig um. Langjährige Erfahrung auf vier Beinen eben. Erschrocken springt das Jungtier wieder zurück zur Herde und verschmilzt mit den schwarzen Leibern.

Viehtrieb in der Dämmerung

Die Deutsche spürt anerkennende Blicke, als sie sich nach Passieren der Kuhherde den anderen Reitern anschließt. Plötzlich galoppiert Jason, Sohn des Ranchbesitzers Scott Reesor und Boss der bunten Schar aus kanadischen
Profis und Hobby-Cowboys aus aller Welt, los, um dem Ganzen eine neue Wendung zu geben. Den Hügel hinauf, in den Wald. Es beginnt zu dämmern.

Das fröhliche Geschnatter der Großstadthelden verstummt. Tief hängenden Zweigen auszuweichen, den Sichtkontakt zur Gruppe nicht zu verlieren und dann auch noch darauf zu achten, dass kein Tier zurückbleibt oder sich noch tiefer in das Dickicht schlägt, erfordert absolute Konzentration.

Immer wieder verschaffen sich Jason und seine Leute lautstark gegen das permanente Brüllen der Kühe Gehör, brechen durch das Unterholz, um lenkend einzugreifen. Sie sind aber auch Motivationskünstler, die dem Cowboy-Nachwuchs Mut zusprechen oder ihn beruhigen, wenn doch einmal ein Jungtier seinem Aufpasser ein Schnippchen schlägt. Trotz der harten Arbeit sind jedem der Frauen und Männer der Spaß und die Begeisterung anzumerken,
die sie in diesen Stunden vereint. Schließlich, auf dem Plateau angekommen, betrachten alle stolz die doch auf eine stattliche Zahl angewachsene Herde schwarzer und brauner oder gefleckter Kühe.

Jason gibt das Signal zum Aufbruch. Die Kühe, so sagt er mit
Überzeugung in der Stimme, werden über Nacht an diesem Ort bleiben. Ohne Zäune? Die Frage bleibt unausgesprochen. Zurück auf der Historic Reesor Ranch, die sich rund eine halbe Stunde südlich des Trans Canada Highways und gut 450 Kilometer von Regina, der Hauptstadt Saskatchewans, befindet, steigt den Frauen und Männern der Duft saftig gebratener Steaks in die Nase. Theresa und Scott Reesor stehen am Grill und bereiten das Abendessen für die hungrigen Mäuler vor. Erst nachdem die Pferde versorgt sind, versammeln sich alle am Lagerfeuer. Ruhe kehrt ein auf der Ranch, die inmitten des Graslandes liegt.

Lebendiger Himmel

Cypress Hills ist gleich in zweierlei Hinsicht eine hervorstechende Landschaft. Der höchste Punkt des Plateaus ist 600 Meter hoch und damit der höchste Punkt zwischen Labrador an der Ostküste Kanadas und den Rocky
Mountains im Westen. Auch die Wälder, der Reesor Lake und Sumpflandschaften sind nicht unbedingt typisch für die Provinz. Saskatchewan, flächenmäßig etwa doppelt so groß wie Deutschland, ist vor allem eines: flach.

„Wenn Ihr Hund in Saskatchewan ausbüxt, können Sie ihm drei Tage lang nachschauen“, ist ein Spruch, den sich die Bewohner häufiger anhören müssen. Kaum ein Baum streckt seine Zweige in den Himmel, kaum eine Erderhebung stört den Blick in eine scheinbar unendliche Weite. Nicht umsonst haben die Kanadier der Provinz, die zwischen Alberta im Westen und Manitoba im Osten als Rechteck eingebettet ist, den Zusatz „Land of living skies“, Land des lebendigen Himmels, gegeben. Am Horizont scheinen Erde und Himmel zu verschmelzen.

Die Prärielandschaft, die im Herbst von goldenen Weizenfeldern durchzogen ist, hatte sich Svenja für eine erste vorsichtige Annäherung als Cowgirl ausgesucht. Als erfahrene Reiterin wusste sie, dass in einem Westernsattel zu sitzen, eine ganz neue Erfahrungen sein würde. In der Nähe von Swift Current, nördlich des Trans Canada Highways, im Saskatchewan River Valley am Ufer des Stausees Lake Diefenbaker gelegen, steht La Reata, die Ranch von George Gaber.

Der aus Mühlheim an der Ruhr stammende Deutsche wanderte 1997 nach Kanada aus und erfüllte sich seinen Traum vom Cowboy-Leben inmitten einer Szenerie, die an alte Westernfilme erinnert. Mit einem Quad treibt er frühmorgens die Pferde auf seinem gut 2000 Hektar großen Besitz zusammen. George Gaber selbst zeigt den Reitern seine Heimat.

Die Sonne brennt heiß und unerbittlich und spiegelt sich tausendfach in dem nahe gelegenen Stausee. Außer dem Schnauben der Pferde stört nichts diese Ruhe. Der nächste Ort liegt Meilen entfernt. Plötzlich öffnet sich eine weite Ebene vor den Abenteurern auf Zeit. Ein kurzer Blickkontakt, Georges
nachsichtiges Lächeln - schließlich sind ja alles erfahrene Reiter - und schon gibt es kein Halten mehr. Im gestreckten Galopp jagen die Frauen und Männer über die Prärie, geben sich ganz den Bewegungen ihrer Pferde hin. So
fühlt sich Freiheit an.

Für seine Gäste, seine Freunde und Nachbarn, aber auch für sich selbst, hat George Gaber eigens auch einen kleinen Saloon auf seinem Grundstück eingerichtet. Um die Cowboy-Romantik bis ins kleinste Detail erlebbar zu machen. Hier versammeln sich alle, um am Nachmittag noch einen Abstecher in das rund 20 Minuten entfernt gelegene Örtchen Kyle zu machen.

Dort trifft Svenja auf ihre großen Vorbilder. Die Cowboys, die sich auf bockenden Pferden und wutschnaubenden Bullen möglichst lange oben zu halten suchen, bieten ein beeindruckendes Spektakel. Für Ruhm und Ehre. Allerdings handelt es sich hier mitnichten um ein Schauspiel für die Touristen. Vielmehr wird in diesen Stunden klar, dass Saskatchewan Cowboy-Country ist.

Die Deutsche ist fasziniert. Aber diesen Teil eines Cowboy-Lebens will sie nicht ausprobieren. Lasso werfen, in Saloons über Gott und die Welt tratschen oder Vieh treiben: ja. Blaue Flecken, schmerzende Muskeln oder gar gebrochene Knochen: nein.

Zurück bei der seit Generationen in Cypress Hills lebenden Familie Reesor. Am Morgen nach dem Viehtrieb und dem Ausklang am Lagerfeuer geht es weiter Schlag auf Schlag. Die Kälber, die von den so gut wie wild lebenden Kühen
vor Monaten geboren wurden, müssen mit dem Brandzeichen der Reesors versehen werden. Es ist wie eine große Feier, zu der Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn kommen, um zu helfen.

Das „Branding“ ist ein Knochenjob. Die Muttertiere werden von den Kälbern getrennt. In einem Holzgatter beginnt dann die Arbeit. Frauen und Männer sind gleichermaßen gefordert. Während die Jungs hoch zu Ross mit ihren Lassos die Kälber fangen und die Tiere am Boden fixieren, bringen die Frauen die rot glühenden Eisen, um die Besitzverhältnisse ein für alle Mal festzuschreiben.

Svenja, die Reiterin, die sich gestern so tapfer gehalten hat, lässt es sich nicht nehmen, einem Kalb das Zeichen einzubrennen. Ein wenig mulmig scheint es ihr zu sein, als sie mit dem heißen Eisen losgeht. Kurz drückt sie es auf die Flanke des Tieres, es stinkt nach verbrannter Haut. Nur wenige Sekunden dauert die Prozedur, dann ist das Kalb wieder frei und läuft zur Herde zurück. Es dauert Stunden, bis alle Tiere gekennzeichnet sind.

Zur Belohnung warten auf die Menschen Steaks und ein Cowboy-Poet. Scott Reesor tritt vor. In teils lustigen, teils nachdenklichen Reimen erzählt er über das Leben der harten Männer, die auch heute noch Teil dieser endlosen
Prärien sind. Die Sonne verfärbt sich in der Dämmerung, bevor sie endgültig hinter dem Horizont verschwindet. Das Lagerfeuer knistert. Die Pferde schnauben. Cowboy-Romantik pur im Herzen Kanadas.

Bilder und Text: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zenralhessen (Gießener Anzeiger, Kreis Anzeiger, Usinger Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Oberhessische Zeitung, Gelnhäuser Tagblatt).

     
 
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