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Hoffnung auf ein besseres Leben
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Im Deutschen Auswandererhaus werden Lebenswege nachgezeichnet
 


Aufbruch in ein neues Leben im Jahre 1888: Geduldig warten Auswanderer an der Kaje. Vor ihnen ragt die Bordwand der SS Lahn auf, die zum Ablegen bereit ist.


Martha Hüner kehrt ihrer Heimat mit 17 Jahren den Rücken und wandert in die
USA aus. Bild: dah


Über 2000 Biografien: Wer die Schubladen in der “Galerie der 7 Millionen³
herauszieht, erfährt viel über Lebenswege von Auswanderern.


An der Station aktiviert der Boarding Pass eine Stimme, die Biografie eines Auswanderers erzählt.


Im Zwischendeck eines Segelschiffes mussten die Auswanderer wochenlang unter menschenunwürdigen Bedingungen während der Überfahrt ausharren.


In den Dokumenten ist nachzulesen, wann Martha Hüner von Bremerhaven aus in die Neue Welt ajufbrach.


Auf Ellis Island, der Insel der Tränen, landeten die Schiffe, die die
Auswanderer nach Amerika brachten.


Im Forum Migration gehen Besucher aus der ganzen Welt auf Spurensuche.


Eine Weltkugel als Symbol schmückt das Deutsche Auswandererhaus in Bremehaven.


Das Auswandererhaus steht am Neuen Hafen in Bremerhaven.

 

BREMERHAVEN. Selbstbewusst stemmt Martha Hüner den rechten Arm in die Hüfte. Wie es tief im Inneren der jungen Frau aussieht, das verschweigt die schwarz-weiße Fotografie. Die Jahreszahl ihres Aufbruches nach Amerika, in eine ungewisse Zukunft, lässt den Betrachter nur erahnen, dass es wohl eine Mischung aus Verzweiflung, Mut, Angst, Ungewiss-heit, Neugier, gepaart mit Abenteuerlust und Vorfreude gewe-sen sein muss. Die Aufnahme der 17-Jährigen entstand zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Familie in Geestemünde zurück-lässt, um 1923 von Bremerhaven aus in die Neue Welt zu reisen. Der Lebensweg der Martha Hüner ist eine von 18 ausgewählten Biografien, die den Besucher auf dem histori-schen Rundgang durch das Deutsche Auswandererhaus begleiten.

Vom Neuen Hafen an der Wesermündung aus, wo das Erlebnismuseum steht, traten mehr als sieben Millionen Auswanderer zwischen 1830 und 1974 die Schiffspassage in die USA, nach Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien an. Im Auswandererhaus geht es um erlebbare Geschichte und damit auch um starke Gefühle wie Hoffnung und Ab-schiedsschmerz. Es geht aber auch um Spurensuche und das Verstehen von Migration, einem Thema, das heute
aktueller denn je ist.

Wer als Besucher das Auswandererhaus betritt, der kauft einen so genannten„Boarding Pass“. Der ist jedoch mehr als nur eine Eintrittskarte. Vielmehr ist er der Schlüssel zum Leben einer Frau oder eines Mannes, die, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, die beschwerliche Reise mit dem Segel- oder später mit dem Dampfschiff über den großen Teich auf sich nahmen. So wie Martha Hüner, die als junges Mädchen die Not des Ersten Weltkrieges in Europa erlebte und der Armut entfliehen wollte. Die Zeitreise beginnt in einer Wartehalle. Düster ist es hier, die Luft abgestanden. Eine spärliche Lichtquelle macht ein altes Schild lesbar, auf dem vor Bauernfängern gewarnt wird.

An der Anlegestelle, der Kaje, umschließt den Besucher ein vielsprachiges Stimmengewirr. Wer inne hält und lauscht, kann neben Deutsch, Tschechisch und Jiddisch auch Russisch heraushören. Bremerhaven war nicht nur Ausgangspunkt für auswanderungswillige Deutsche, sondern auch viele Osteuropäer warteten an den Anlegestellen an der Mündung der Weser auf ihre Überfahrt.

Galerie der 7 Millionen

Auf dem mit Pflastersteinen nachempfundenen Kai stehen Frauen, Kinder und Männer und blicken auf den Rumpf der SS „Lahn“. Gegen den Schiffskörper schlagen unüberhörbar die Wellen. Überall stehen Kisten, Körbe, Säcke und
Koffer herum. Dank der vielen Effekte und der lebensecht gestalteten Puppen, die in grobe Wolle gehüllt sind, verspürt der Besucher sogar etwas wie Nervosität. Ihre Gesichter bleiben dabei eher im Dunkeln.

Gestalt nimmt dagegen Martha Hüner an, deren Lebensweg der Besucher erstmals in der „Galerie der 7 Millionen“ kreuzt. Hier ist es ruhig nach der hektischen Betriebsamkeit an der Kaje. Unzählige Schubladen sind an der Wand angeordnet, fein säuberlich mit Namen und Jahreszahlen versehen.
Nicht alle zwar, aber die Sammlung wächst seit der Eröffnung des Auswandererhauses im Jahr 2005 stetig weiter. Im Auswandererhaus forschen Wissenschaftler über Auswanderung, aber auch Migration. Umfangreiche
Datenbanken stehen im so genannten Forum Migration auch den Besuchern zur Verfügung, die sich auf Spurensuche begeben wollen. Nicht ohne Grund zieht das Erlebnismuseum in Bremerhaven auch viele Besucher, zum Beispiel aus den USA an, die ihre Familiengeschichte erforschen wollen.

Wer die Schubladen in der „Galerie der 7 Millionen“ öffnet, erfährt manchmal viel, vieles aber auch nicht. In einigen befinden sich Dokumente und/oder persönliche Gegenstände, in anderen liegen nur Auszüge aus der Passagierliste, viele sind leer. Insgesamt sind es über 2000 Biografien. Dazwi-schen befinden sich Vitrinen, an denen altmodische Telefon-hörer hängen.

Pferdebürste im Gepäck

Der „Boarding Pass“ aktiviert Stimmen, die die Geschichte der 18 Frauen und Männer, deren Biografien das Herzstück der Ausstellung sind, erzählen. Woher kamen sie? Wohin gingen sie? Was veranlasste sie, ihrer Heimat den Rücken zu kehren? Waren es Hunger, eine Wirtschaftskrise, Verfolgung, Perspek-tivlosigkeit, Fernweh oder einfach nur Abenteuerlust? Es ist ein sehr persönlicher Moment.

Martha Hüner packte ihren Koffer, in den ihr Vater ein Familien-erbstück hineingelegt hatte: eine Pferdebürste. Ihr Ziel, so die Vorstellung des Familienoberhauptes, war ja der Wilde Westen, als potentielle Heiratskandidaten kamen daher Cowboys in Betracht. Die Pferdebürste war also ein sehr praktisches Geschenk.

Es war Montag, der 10. Dezember 1923, als die 17-Jährige, die noch nie aus Geestemünde herausgekommen war, von der Kaje in Bremerhaven das Schiff “München³ betrat. Die Über-fahrt hatten ihre Tanten bezahlt, die bereits in den USA lebten. Sie bürgten auch für die junge Frau. Reisen war allerdings Anfang des 20. Jahrhunderts für die Passagiere bereits weitaus luxuriöser, als noch zu Zeiten der Segelschiffe.

Wie Auswanderer diese, teils monatelange, Fahrt im Zwischendeck erlebt haben müssen, davon überzeugt sich, wer sich weiter durch das mit 4200 Quadratmetern größte Erlebnismuseum Europas zum Thema Emigration treiben lässt.

Besonders authentisch wirkt es dadurch, dass durch Film-sequenzen, die in Bullaugen auf Augenhöhe ablaufen, der Eindruck entsteht, dass sich das Schiff auf voller Fahrt den Weg durch Wellen bahnt. Eng ist es in der dritten Klasse, stickig, menschenunwürdig die Bedingungen. Krankheiten und
Tod fuhren auf den Segelschiffen immer mit.

Einem Aufbruch folgt das Ankommen. Das Ziel, New York und die so symbolträchtige Freiheitsstatue, zum Greifen nah, legten die Schiffe vor „Ellis Island“, der Insel der Tränen, an. Nicht jeder schaffte es nach Befragung und medizinischer Unter-suchung, den Fuß auf das scheinbar gelobte Land zu setzen. Immer wieder wurden Menschen auch zurückgeschickt.

Martha Hüner, die junge Frau aus Norddeutschland, trifft am 20. September 1923 im weihnachtlich geschmückten New York ein. Voller Hoffnung und Träume auf ein besseres Leben. Sie arbeitet als Kindermädchen, später als Hausangestellte.
Sie schickt Geld an ihre Familie in der alten Heimat. Neun Jahre nach ihrer Ankunft heiratet sie: Einen Bäcker aus Hameln. Wie klein doch die Welt ist.

Bilder und Text: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Kreis Anzeiger, Usinger Anzeiger, Oberhessische Zeitung, Gelnhäuser Tagblatt).

     
 
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