
Die Burg Katz ist einer der markantesten Punkte im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal.

Welterbe-Förster Thomas Hahlbrock untersucht im Niederwald das Blatt einer Eiche.

Eine Rheinfahrt auf der Goethe bietet einen interessanten Blick auf das in Jahrmillionen entstandene Durchbruchstal.

Die Kanonen der Marksburg stammen aus napoleonischer Zeit.

Auf den Terrassen bauten die Talbewohner früher Wein an. Heute sind die Terrassen nur noch vereinzelt als Überbleibsel längst vergangener Zeit zu sehen, sollen aber erhalten werden.

Der Premiumwanderweg Rheinsteig führt entlang des Rheins. Immer wieder erhascht der Wanderer einen Aussichtspunkt, der ihm das Tal auf neue Weise zeigt.

Die Römer waren auch schon einmal hier.

26 Orchideenarten wachsen in der Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintales.

Die Häuser der Ortschaften stehen dichtgedrängt am Ufer des mächtigen Stromes. Jeder Zentimeter wird genutzt.

Eine Schlingnatter sonnt sich in den Weinhängen.
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MITTELRHEIN. Wildromantisch liegt das Obere Mittelrheintal in gleissendes Sonnenlicht getaucht. Durchzogen von einem mächtigen Strom, der sich kraftvoll seinen Weg bahnt. Steil und schroff ragen die Felsen in den stahlblauen Himmel. Der 125 Meter hohe Aussichtspunkt bietet die perfekte Gelegenheit, diese einzigartige Landschaft in all ihren Facetten aufzunehmen. Vom weltberühmten Loreleyfelsen aus schweift der Blick über die sattgrünen Hochflächen, wandert die zum Teil bewaldeten oder Reben besetzen Hänge hinab, verweilt an der mittelalterlichen Burg Katz, die sich in den Felsen zu krallen scheint; führt weiter zum Ufer hinab zu der kleinen Ortschaft St. Goarshausen, bevor er vom Rhein davon gespült wird.
Hier fügen sich Sätze zu einem Bild zusammen: „Das Obere Mittelrheintal ist eine Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit. Seine besondere Erscheinung verdankt es einerseits der natürlichen Ausformung der Flusslandschaft, anderseits der Gestaltung durch den Menschen. Hochrangige Baudenkmäler haben sich hier in einer Fülle und Dichte erhalten, die in kaum einer anderen europäischen Kulturlandschaft zu finden sind.“ So urteilte das Komitee der Vereinten Nationen (Unesco), als es die Region im Jahr 2002 zum Welterbe ernannte.
Wer entlang der 65 Kilometer zwischen Bingen und Rüdesheim bis Koblenz unterwegs ist, dem bieten sich unendlich viele Gelegenheiten, sich dem Welterbe zu nähern. Es sollte langsam geschehen und mit Bedacht. Die Vielfalt und Schönheit erschließt sich dem, der auf Details achtet: Auf eine Blume hier, ein Schmetterling dort, die Überbleibsel einer Terrasse in einem Steilhang oder die Steine der alten Burgen oder der Winzer, der zwischen den Rebstöcken arbeitet.
In Braubach, auf der rechten Rheinseite, beginnt die Reise flussaufwärts. Das kleine Örtchen mit seinen verwinkelten Gassen und den malerischen Fachwerkhäusern blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Markantester Ausdruck dafür ist sicherlich die Marksburg, eine von rund 40 Burgen im Welterbe-Gebiet, das damit über die größte Burgendichte Europas verfügt. Sie gilt als einzige nie zerstörte Höhenburg am Mittelrhein.
Von den Burgführern erfahren die Touristen etwa davon, dass das Obere Mittelrheintal lange Zeit die Nordgrenze des Römischen Imperiums und im Mittelalter eine der blühenden Landschaften des Heiligen Römischen Reiches war. Es geht um Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts, als Frankreich mit dem Deutschen Reich um die Herrschaft am Rhein rang.
Schließlich, in der großen Batterie der Marksburg angekommen, wo Kanonen aus napoleonischer Zeit die Geschichte überdauert haben, bietet sich ein grandioser Blick auf das Tal. Diese Eindrücke spiegeln sich auch auf den Leinwänden der Hobbykünstler wider. Sie haben sich auf Einladung des Welterbe-Försters Thomas Hahlbrock auf einer kleine Terrasse getroffen haben, um die Techniken der Landschaftsmalerei zu erlernen.
Hahlbrock selbst greift zwar nicht zu Pinsel und Farbe, doch die Art, wie er über die Region spricht, lässt den Zuhörer seine tiefe Zuneigung zu diesem Landstrich spüren. Die Veranstaltung „Komm, mal mit“ ist für den Förster aber nur eine Möglichkeit, den Besuchern die Augen für die Schönheiten des Tals zu öffnen.
Zu Fuß eine andere. Sein Wissen gibt er gerne auf Wanderungen weiter, auf denen er Interessierten ungewohnte und reizvolle Eindrücke bietet - fernab der üblichen Touristenrouten. Letztere haben jedoch auch Faszinierendes zu bieten.
Goethe lauschen
Wie zum Beispiel die klassische Fahrt auf dem Rhein, die beim Erkunden des Oberen Mittelrheintales selbstverständlich nicht fehlen darf. Die „Goethe“, der älteste Rheindampfer, nimmt in Braubach ihre Passagiere auf. Links und rechts begrenzen die steilen Felswände das „Durchbruchstal“ durch das Rheinische Schiefergebirge.
Förster Hahlbrock ist mit an Bord der „Goethe“. Mit seinem Arm deutet er auf weiße Flecken: Ziegen. „Naturschutz durch Nutzung“ lautet sein Kommentar über die geschickten Kletterer. Diese Tiere seien für eine Kulturlandschaft von großer Bedeutung. Sie fressen sich voll „und ganz nebenbei entbuschen sie zum Beispiel die Hänge“. Dort, wo sie weiden, gedeihen auch die Streuobstwiesen prächtig, wie auf den Hochflächen.
Wie und wo der Mensch die Landschaft gestaltet hat, wird an Terrassen deutlich, die häufig verborgen und vereinzelt an den Steilhängen zu sehen sind. „Hier bauten die Menschen Wein an“, erzählt der 56-Jährige, der seit 2005 im Welterbe als Förster für die Öffentlichkeitsarbeit von Landesforsten Rheinland-Pfalz tätig ist. Er erzählt von Bestrebungen, einen Teil dieser Terrassen zu rekonstruieren und zu rekultivieren.
“Der Anbau der Reben ist natürlich mühsam", aber die Auszeichnung der Unesco verpflichtet natürlich.
Der Weinanbau sei schon immer ein Wirtschaftsfaktor gewesen. Die kurze Rhein-Schifffahrt endet in St. Goarshausen, dort wo der Rhein den Loreleyfelsen umspült. Von dem modernen Loreley-Besucherzentrum aus setzt
Thomas Hahlbrock den Fuß schließlich auf den berühmten Rheinsteig, den Premiumwanderweg, der 320 Kilometer von Bonn über Koblenz nach Wiesbaden führt und die Region in den Fokus der boomenden Wanderbewegung katapultierte. Die Steige sind überwiegend schmal und anspruchsvoll und
führen über Höhen und durch lauschige Seitentäler. Genau diese Langsamkeit ist es, die diese Landschaft verdient, um ihre unglaubliche Vielfalt, wenigstens in Auszügen, entdecken zu können.
Auf einer Hochebene verlässt der Welterbe-Förster für einen Moment den Pfad. Er beugt sich nach vorn und deutet auf eine eher unscheinbar wirkende Blume. Ihre Farbe: hell- bis
schmutzigbraun. “Eine Nestwurz", erklärt der Naturliebhaber. Und damit eine “Moderorchidee". Die Wiesen und Weiden blühen, es summt und zirpt.
2500 Tier- und Pflanzenarten
“Im Welterbe-Gebiet gibt es allein 26 Arten von Orchideen", sagt der Förster. Insgesamt sind nach Auskunft des Experten 1300 Gefäßpflanzenarten hier zu finden. Ein Schmetterling flattert vorbei. „Und mehr als 600 Großschmetterlinge.“
Die Voraussetzungen für diese Vielfalt – „Wir sprechen
hier von über 2500 Tier- und Pflanzenarten im Tal“ - seien von den Menschen erst geschaffen worden. Hahlbrock marschiert weiter Richtung Wald. „Das hier ist ein so genannter Niederwald“, der erst durch die intensive Nutzung durch den Menschen entstanden ist.
Auffallend sind die dünnen Stämme der Bäume. Und: zwei oder mehrere stehen immer dicht beieinander, teilen sich einen Wurzelstamm. Ein Zeichen, dass es hier eine intensive Nutzung, bevorzugt der Eiche gab. „Diese Baumart liefert neben normalen Holzprodukten auch noch Gerbrinde, die früher zur Lederherstellung verwendet wurde.“
Zurück im Tal geht es nach der Wanderung mit dem Auto flussaufwärts weiter. Der Rhein gibt den Verlauf der Straße vor, gleich daneben die Bahntrasse. Beides spiegelt sich auf der linken Rheinseite wider. Sie unterstreichen, dass der Rhein eine wichtige Verkehrsader war und noch heute ist.
In Rüdesheim, unbemerkt ist inzwischen die Grenze von Rheinland-Pfalz nach Hessen überquert worden, legen in großer Zahl Kreuzfahrtschiffe an. Abertausende Touristen spucken sie aus. Der Bummel durch die berühmte Drosselgasse gehört hier ebenso zum Programm, wie der Besuch des 1871 erbauten Niederwald-Denkmals. Die Germania gilt als Wahrzeichen, wie auch die Weinberge, die diesen Landstrich prägen.
Auf den Wegen entlang der sorgsam aufgereihten Rebstöcke findet der Wanderer Ruhe. Am Wegesrand plötzlich eine Bewegung. Aufgeschreckt sucht eine Schlange das Weite. Förster Hahlbrock zieht erstaunt die Augenbrauen hoch und findet keine schnelle Antwort auf die Frage, um was für ein Tier es sich handelt. Obwohl er das Obere Mittelrheintal kennt wie seine Westentasche, gibt es auch für den 56-Jährigen immer noch Neues und Überraschendes zu entdecken.
Nachforschungen ergeben, dass eine Schlingnatter seinen Weg gekreuzt hat. Auch das Reptil ist Teil der großen Vielfalt, die zu erhalten sich die Menschen auf die Fahne geschrieben haben.
Text und Bilder: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Kreis Anzeiger, Usinger Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Lauterbacher Anzeiger, Oberhessische Zeitung). |