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Kanarienvögeln der Meere lauschen
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Tausende Beluga-Wale tummeln sich im Sommer in der Hudson Bay
 


Die weißen Beluga-Wale bringen im wärmeren Wasser des Churchill River ihre Kälber zur Welt.


Die Meeressäuger kennen keine Scheu und schwimmen ganz nah an den Zodiac, ein Schlauchboot mit Außenbordmotor, heran.


Bootsführer Cam hat alle Hände voll zu tun, um den Schnorchler wieder in das Boot zu hieven.


Die weißen Wale schwimmen in kleinen Familienverbänden.


Die "Arctic Trading Company" ist ein Anziehungspunkt für jeden Touristen, der nach Churchill kommt. Ob im Sommer, um Belugas zu beobachten, oder im Winter, um den Eisbären ganz nah zu kommen.


In den Sommermonaten explodiert die Natur der Tundra und es kommt eine unendliche Farbenpracht zum Vorschein.


Selbst das Ausflugsboot lockt die eugierigen Meeressäuger an, so dass Besucher in aller Ruhe ihre Erinnerungsfotos machen können.


Mike Macri (r.) erzählt den Touristen, die aus aller Welt nach Churchill kommen, viel interessantes über die faszinierenden Wale.


Mit viel Glück können die Touristen bei einem Ausflug in die nähere Umgebung von Churchill auch Eisbären beobachten, die dort auf den Winter warten.


Abendstimmung über dem Churchill River, der Kinderstube der Beluga-Wale.

 

CHURCHILL/MANITOBA. Ihre Welt schimmert grün. Zart und zerbrechlich wirken die Beluga-Wale, wie sie schwerelos durch das Wasser gleiten. Sie durchbrechen mit ihren weißen Leibern die von den Sonnenstrahlen ins Wasser gezeichneten Korridore. Von unbändiger Neugier getrieben, nähern sie sich diesem seltsamen Körper, der an der Wasseroberfläche herumdümpelt und so gar nicht in ihren Lebensraum passen will. Wal und Mensch begegnen sich in den eisigen Fluten des Churchill River im hohen Norden der kanadischen Provinz Manitoba. Gehen dort auf Tuchfühlung.

Der Herzschlag dröhnt in meinen Ohren, als ich mein Gesicht unter Wasser tauche. Ich atme schneller, um den lebensnotwendigen Sauerstoff in meine Lungen zu pressen. Doch die schmale Öffnung des Schnorchels, der an meiner Taucherbrille befestigt ist, setzt der Menge Grenzen. Ich versuche, mich zu entspannen. Als plötzlich ein weißer Körper kaum eine Armlänge neben mir auf- und elegant nach unten abtaucht, um sich dort auf den Rücken zu drehen und mir direkt in die Augen zu sehen, ist es um mich geschehen.

Dem Impuls folgend, starte ich unbeholfen den Versuch, ihm tiefer in seine geheimnisvolle Welt zu folgen. Als ich zu zappeln beginne, dringt eisiges Meerwasser an der Halsöffnung meines Taucheranzugs ein und raubt mir den Atem. Ich akzeptiere durch sofortige Bewegungslosigkeit meinen eingeschränkten Handlungsspielraum und warte, dass der Körper das Wasser zwischen meiner Haut und der sie umschließenden, wärmeisolierenden Neoprenschicht wieder aufgeheizt hat. Die sieben Millimeter dicke Schutzschicht gibt soviel Auftrieb, dass ich mich von den Wellen sanft hin und her wiegen lassen kann.

Verträumt genieße ich das unbeschwerte Spiel der eleganten Meeressäuger, in das ich offensichtlich eingebunden bin. Ich bin umgeben von Walen, die mich immer wieder verlassen, um kurz darauf zu mir zurückzukehren.

Es sind unvergesslichen Momente. Momente, von denen ich seit Monaten geträumt habe. Churchill, am nördlichen Zipfel Manitobas an der Hudson Bay gelegen, ist ein guter Ort für einmalige tierische Erlebnisse. In dem verschlafenen Örtchen mit seinen knapp 1000 Einwohnern, das nur mit dem Flugzeug oder der Eisenbahn zu erreichen ist, steht die Zeit beinahe still. Das verwitterte Gebäude der „Arctic Trading Company“ an der Hauptstraße Keeley Boulevard scheint ein Symbol dafür zu sein.

Welthauptstadt der Eisbären

In dem Souvenierladen wird schnell deutlich, wer dieser Region mit Permafrostboden und spärlicher Vegetation den Stempel aufdrückt: der Eisbär. Das gefährlichste Landraubtier der Erde sichert den Bewohnern der Kleinstadt, die dem Ort selbstbewusst den Namen „Welthauptstadt der Eisbären“ gegeben haben, zwischen Ende September und Ende Oktober das Einkommen.

Dann nämlich ziehen die Herrscher der Arktis auf ihren Routen entlang der Küste in Richtung Hudson Bay, wo sie darauf warten, dass das Eis der Bucht zufriert und sie auf die Jagd nach Robben gehen können. Auf ihrem Weg dorthin werden sie Jahr für Jahr von tausenden Touristen beobachtet, die in stabilen, höher gelegten Fahrzeugen, den so genannten Tundra-Buggys, in die Wildnis gefahren werden.

Zwischen Plüscheisbären, T-Shirts und geschnitzten Vierbeinern findet der Tourist aber auch Beluga-Souvenirs in den unterschiedlichsten Formen. Nur einen Steinwurf entfernt vom Laden reflektieren am Hafen riesige Getreidesilos die wärmenden Sonnenstrahlen. Hinter den großen, runden Metallbehältern schließlich liegt das Bett des Churchill River, fließt sein Frischwasser in die Hudson Bay.

Vornehmlich im Juli und Anfang August, während der kurzen Sommerzeit, in der die Bucht eisfrei ist, tummeln sich hier bis zu 3000 Beluga-Wale. Die Meeressäuger schwimmen den Fluss hinauf, um sich in den fischreichen Gewässern Speck anzufressen und in dem wärmeren Wasser ihre Kälber zur Welt zu bringen.

Es ist sicherlich eines der faszinierendsten Naturschauspiele der Erde, dem man als Mensch auf ganz unterschiedliche Weise beiwohnen kann: auf einem Ausflugsboot, mit einem Zodiac, einem wulstigen Schlauchboot mit Außenbordmotor, von dem aus die bis zu fünf Meter langen und bis zu 1500 Kilogramm schweren Meeressäuger schon deutlich näher begutachtet werden können. Oder aber im Kanadier, dem leichten Paddelboot, in dem Mensch und Tier nur noch wenige Zentimeter voneinander getrennt sind.

Auf dem langen Weg von Winnipeg, der Hauptstadt Manitobas, mit dem Zug nach Churchill, fiel meine Entscheidung, im wahrsten Sinne des Wortes den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und die weißen Wale, die Wissenschaftler Delphinapterus Leucas (Delfin ohne Finne) nennen, mit Taucherbrille und Schnorchel in ihrem Lebensraum zu besuchen. Im Austausch mit Amerikanern, Kanadiern, Deutschen und Reiseleiter John Gunter vom Tourveranstalter Frontiers North Adventures erörterte ich das Für und Wider und entschied mich für die Schnorcheltour.

Fröhliches Geplapper

Die Annäherung verläuft langsam, Schritt für Schritt. Warum diese wundervollen Tiere auch als Kanarienvögel der Meere bezeichnet werden, wird mir sofort klar, als ich mit rund 20 Ausflüglern am ersten Tag das große Ausflugsboot betrete.

Mike Macri, Eigentümer von „See North Tours“, bringt uns den Churchill River hinauf. Eine Gruppe weißer Leiber stößt durch die dunkle Wasseroberfläche. Der Kapitän stellt den Motor ab und hängt ein Mikrofon ins Wasser. Fröhlich klingt das Geplapper, das als Fiep-, Knatter- und Klickgeräusche an die Wasseroberfläche dringt. Nach nur wenigen Minuten, in denen ich gehetzt von einer Bootsseite auf die nächste wechsle, um einen Blick auf die pfeilschnellen Meeressäuger zu erhaschen, erhärtet sich mein Wunsch, mit ihnen zu tauchen.

Zumal Macri, der bereits seit 1977 Waltouren anbietet, viel über Belugas zu erzählen hat. Er erklärt den Touristen zum Beispiel die Funktion der Melone, der riesigen Wölbung auf der Stirn der Wale, die der Echolotung dient. Immer wieder fallen Begriffe wie sanftmütig, neugierig und intelligent. Er spricht über ihre Lebensräume in arktischen bis subarktischen Gewässern rund um den Nordpol und davon, dass ihr Bestand durchaus gefährdet ist. Ich erfahre auch, dass sie sich von Fischen, Krebstieren und Zooplankton ernähren. Eine Gefahr für den Menschen sind sie nicht. „In all den Jahren ist noch nie etwas passiert“, sagt Macri. Der Wunsch nach Nähe wächst.

Was ist das für ein Begrüßungskomitee. Ganz dicht an das Schlauchboot, in dem ich am folgenden Tag mit Reiseleiter John Gunter, zwei Frauen und Bootsführer Cam sitze, kommen die Beluga-Wale heran. Ich klappere mit den Zähnen, vor Kälte und Aufregung.

Weiße, dicke Streifen durchschneiden die grau-blaue Wasseroberfläche. Mein Herz rast. Tief durchatmen kann ich nicht, da mir der Taucheranzug, in den ich mich gequetscht habe, nicht genügend Raum bietet. Je enger desto besser, hat Bootsführer Cam gesagt. Ich sitze auf dem wulstigen Rand des Schlauchbootes und zögere.

Wohl zum hundertsten Mal überprüfe ich mit fahrigen Bewegungen den Sitz von Taucherbrille und Schnorchel. Ich bin im Begriff, mitten in eine Herde wilder Tiere zu springen. Langsam lasse ich mich ins dunkle Nass gleiten und lege mich auf die Wasseroberfläche, wie Cam es mir geraten hat.

Um mich nicht zu verlieren, beziehungsweise nicht verloren zu gehen in dieser flaschengrün schimmernden stillen Unterwasserwelt, kralle ich meine klammen Finger an das Seil, das mit dem Boot verbunden ist. Ich bin überrascht, dass ich den Grund des Flusses sehen kann. Von vorn nähert sich ein Wal. Seine weiße Haut schimmert wie die Haut eines hartgekochten Eis.

Dass Belugas bewegliche Nackenwirbel haben, demonstriert ein anderer Meeressäuger, indem er fröhlich mit dem Kopf wackelt. Will er mir damit etwas mitteilen? Ich antworte, indem auch ich meinen Kopf langsam hin und her bewege.

Ohne Scheu, aber dennoch mit einem Sicherheitsabstand, tauchen immer mehr Wale in kleinen Familienverbänden auf. Ein Tier kommt mir sogar so nahe, dass ich es berühren will. Aus Respekt aber nicht tue. Seine Haut sieht so sauber, so rein aus. Allerdings sind einige Kratzer zu sehen. Woher die wohl stammen? Eine Walkuh dreht sich unter mir auf den Rücken. Ihr Kalb, das nicht weiß, sondern noch grau ist, schwimmt auf ihrem Bauch mit.

Wie lange ich so im Wasser treibe, weiß ich nicht, jegliches Zeitgefühl ist von den Wellen davongetragen. Das maximal zehn Grad warme Wasser fordert seinen Tribut, trotz Neoprenanzug. Cam sichert sich über die Schnur meine Aufmerksamkeit und zerrt mich unsanft ins Boot. Meine tiefgefrorenen Muskeln versagen ihren Dienst.

Kaum habe ich das Mundstück des Schnorchels entfernt, beginnen meine Zähne zu klappern, mein ganzer Körper zittert. Hauptsächlich aber vor Glück und Aufregung. Adrenalin pur. Ich blicke zurück auf den Fluss. Weit hinten durchbrechen noch einmal weiße Leiber die Wasseroberfläche, sind die typischen Blasgeräusche der Wale zu hören. Ich habe ihren Lebensraum verlassen, nachdem mich diese freundlichen Lebewesen in ihrer Kinderstube empfangen haben. Unbeantwortet bleibt die Frage: Was sie wohl in mir gesehen haben?

Text und Bilder: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Oberhessische Zeitung, Usinger Anzeiger, Gelnhäuser Tageblatt, Lauterbacher Anzeiger, Kreis Anzeiger) sowie im Journal der Verlagsgruppe Rhein-Main.

     
 
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