
Zum Abschluss ihrer Ausbildung nehmen die jungen „Mounties“ in ihren rot-schwarzen Uniformen auf dem Exerzierplatz der„RCMP Academy“ in Regina Aufstellung.

Geheimnisvolles blau macht Fingerabdrücke sichtbar. Viele moderne Ermittlungsmethoden werden anschaulich vorgestellt.

Eine historische Karte zeigt, in welchem Gebiet die North West Mounted Police nach ihrer Gründung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Recht und Ordnung sorgte.

Der Veteran John Worthington erzählt Besuchern im „RCMP Heritage Center“ auch über sein Leben als „Mountie“.

Eine Kanone wird während der Sunset Ceremony auf dem Depot-Gelände abgeschossen. Die Kanoniere tragen historische Polizeiuniformen.

Dem Mörder auf der Spur: Dank modernster Technik betätigt sich der Besucher als Polizist und versucht, den Mordfall zu lösen.

Ein seltenes Bild: Die Polizisten in ihren Parade-Uniformen hoch zu Ross.

Wichtige Persönlichkeiten, die beim Aufbau der schlagkräftigen Polizeigruppe im 19. Jahrhundert geholfen haben, werden im Museum vorgestellt.

Auch an die jungen Besucher haben die Gestalter des Museums gedacht. So werden mit großflächigen Comics die Arbeitsmethoden der RCMP deutlich gemacht.

Eine 50-Dollar-Note kann unter die Lupe genommen werden.
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REGINA/KANADA. John Worthington erinnert sich noch gut an die Zeit als junger Polizist. „Ich war in Cumberland House stationiert“, weit oben im Norden Kanadas. „Mein zweijähriger Sohn sprach besser Cree als Englisch.“ In der kleinen Gemeinde, in der viele Indianer, die so genannten First Nations, leben, hat er ein paar Jahre seinen Dienst versehen. In menschenfeindlicher Wildnis, in der die Winter bis zu minus 45 Grad kalt werden. Heute, fast 40 Jahre danach, erzählt der Veteran gerne Episoden aus seinem Leben als frisch gebackener „Mountie“. So nennen die Kanadier liebevoll, aber voller Respekt, die Mitglieder der „Royal Canadian Mounted Police“ (RCMP).
Die Frauen und Männer der „königlichen, kanadischen, berittenen Polizei“ in ihren rot-schwarzen Parade-Uniformen und den markanten braunen Hüten mit den breiten Krempen sind längst zum nationalen Symbol Kanadas geworden. Und so schwingt auch in der Stimme Worthingtons Stolz mit, wenn er über seine Arbeit für die Bundespolizei berichtet, die in acht der zehn Provinzen (außer Ontario und Quebec) und drei Northern Territories tätig ist.
Im „RCMP Heritage Center“ in Regina ist der Veteran als einer der Ansprechpartner für die vielen Besucher aus aller Welt Teil der Geschichte der „Mounties“, die in diesem modern gestalteten Museum eindrucksvoll dargestellt wird. Nur einen Steinwurf entfernt von dem Gebäude befindet sich die „RCMP Academy“, die „Depot Devision“, die einzige Ausbildungsstätte für den Nachwuchs der Polizeitruppe, die als eine der modernsten der Welt gilt. „Hier werden Mounties gemacht“, heißt es.
Ein junger Mann läuft in blauer Alltagsuniform mit kurzen, schnellen Schritten über das Depot-Gelände. Auffallend sind seine Joggingschuhe. Aber genau diese Schuhe und der Laufschritt sind es, die verdeutlichen, dass der Kadett gerade erst mit seiner Ausbildung begonnen hat.
Harte AuswahlTausende Frauen und Männer bewerben sich jedes Jahr bei der RCMP. Das Auswahlverfahren ist hart, nur die Besten werden genommen. 32 Nachwuchspolizisten bilden eine Klasse, die in 24 Wochen eine „sehr intensive“ Ausbildung in der Hauptstadt Saskatchewans durchlaufen. Das Wort „Drill“ fällt dabei recht häufig. Sie sind in großen Schlafsälen untergebracht, Privatsphäre gibt es so gut wie nicht.
Die Männer und – seit 1974 – auch Frauen müssen sich Vieles erst verdienen: ob Teile der Uniform oder aber auch nur ein kleines Privileg wie gemäßigten Schrittes über das Gelände gehen zu dürfen. Von den Turnschuhen bis zu den handgefertigten Lederstiefeln und der rot-schwarzen Uniform, die heute allerdings nur noch zu Paraden und anderen offiziellen Anlässen getragen wird, ist es ein weiter Weg.
Gesetzestexte werden gepaukt, Festnahmetechniken oder der Umgang mit Waffen geübt. Sport und Selbstverteidigung stehen ebenso auf dem Plan, außerdem das Studieren der Geschichte der „Mounties“.
Die wird auf faszinierende Weise im Gebäude nur wenige Meter vom Depot entfernt im „RCMP Heritage Center“ lebendig. Mit der Nähe zur Ausbildungsstätte wird eine außergewöhnliche Verbindung geschaffen, die es dem Laien ermöglicht, mit dem Wissen um die Gegenwart und einer Vorstellung der Zukunft tief in die Vergangenheit einzutauchen. Oder umgekehrt.
Durch eine große Glastür betritt der Besucher eine Halle wie ein begehbares Geschichtsbuch. In dem Museum taucht er sogleich ein in die Anfangsjahre der Besiedlung Kanadas durch die Weißen.
Der Marsch nach Westen
Es ist das Jahr 1873, als sich die kanadische Regierung entschließt, die „North-West Mounted Police“ aufzustellen. In Anlehnung an britische Kavallerietruppen werden Männer im Alter zwischen 18 und 40 Jahren rekrutiert und in rote Uniformen gesteckt. Die Männer sollen im Westen, den heutigen Gebieten Saskatchewans und Albertas, für Recht und Gesetz sorgen. In diesen Gebieten treiben skrupellose Geschäftemacher ihr Unwesen, tauschen illegal Alkohol gegen Pelze und Pferde.
Der Handel mit den Ureinwohnern blüht. Als bekannt wird, dass weiße Wolfsjäger in „Cypress Hills“ in Alberta ein Massaker unter einer Gruppe Indianer vom Stamm der Assiniboines anrichten, setzt sich die Truppe in Bewegung.
„The March West“, der Marsch nach Westen, wird in historischen Bildern im „Heritage Center“ nacherzählt. In einem kleinen Zelt bekommt der Besucher sogar dank einiger Spezialeffekte eine Ahnung davon, was es bedeutet, den mächtigen Präriestürmen fast ungeschützt ausgesetzt zu sein. In der Ausstellung gibt es alte Uniformen und Fotos der unerschrockenen Männer, die das Abenteuer in dem unbekannten Land auf sich nahmen.
Alte Filmaufnahmen flimmern über Bildschirme. Es wird deutlich, welche Aufgaben die noch junge Polizeitruppe hatte: den illegalen Alkoholhandel sowie die Gewalttätigkeiten zwischen verschiedenen Indianerstämmen und Siedlern beenden sowie Zölle einzutreiben. Schon damals beginnt sich das Image vom höflichen und stoischen Polizisten zu manifestieren, der jeden Verbrecher fängt („The Mountie always get their man.“). Die Traumfabrik Hollywood leistete ebenfalls ihren Beitrag.
Die „Mounties“ sorgen um die Jahrhundertwende im Yukon-Territorium während des Goldrausches für Sicherheit und Ordnung und zeigen Präsens, als sich die Besiedlung des Westens durch den Bau der Eisenbahn beschleunigt. In Anerkennung ihrer Verdienste für die englische Krone fügt König Edward VII. im Jahr 1904 der „North-West Mounted Police“ das Wort „royal“, also königlich, hinzu. 1920 erhält sie den Namen „Royal Canadian Mounted Police“ und zugleich den offiziellen Status einer staatlichen Polizeitruppe.
Mit jedem Schritt wandert der Besucher im „Heritage Center“ durch die Jahrzehnte Richtung Gegenwart. John Worthington steht mit einer jungen Familie zusammen. Die beiden Kinder tragen die roten Uniformen und Hüte der „Mounties“.
Bereitwillig beantwortet der Veteran ihre Fragen. Seine Stimme wird eine Nuance leiser, als er in seinen Erinnerungen forscht. In kleinen Gemeinden wie Cumberland House oder Lloydminster war er nah bei den Menschen, war Teil ihres Lebens. „Ich habe viele junge Leute gesehen, die bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind“, sagt er.
Alkohol sei dort häufig im Spiel gewesen. „The largest walk“, der längste Marsch, nennt der Polizist den Weg von seinem Wagen bis zur Eingangstür eines Hauses, „wo ich die Eltern über den Tod ihres Kindes informieren musste“. Ob er einmal in Gefahr gewesen ist? „Ich habe nie meinen Revolver gebraucht“, sagt er zunächst und dann: „Einmal, als wir ein Gebäude stürmen mussten, drückte der Mann, der sich hier verschanzt hatte, ab. Die Kugel ging haarscharf an meinem Kopf vorbei.“
Aber auch viele positive Ereignisse spielten eine Rolle in seinem Leben als „Mountie“. So berichtet der Veteran davon, wie die englische Königin zu Gast in Kanada war. „Ich war in der Gruppe, die für ihre Sicherheit verantwortlich war“ erzählt er voller Stolz. Es ist seine ganz persönliche Geschichte, die ihren Anfang nahm, als Worthington als junger Kadett zur Ausbildung nach Regina kam.
Mordfall lösen
Immer um die Mittagszeit musste er auf dem großen Exerzierplatz des Depot-Geländes den Gleichschritt üben. Auch heute schlendert er gerne vom Museum die wenigen Schritte zur Akademie, um den jungen Kadetten beim Training zusehen oder die „Sergeant Majors Parade“ anzuschauen. Voller Stolz schlägt sein Herz, wenn eine Klasse nach erfolgreicher Ausbildung verabschiedet wird. Zu diesem bedeutungsvollen Termin trägt der RCMP-Nachwuchs die prachtvollen rot-schwarzen Uniformen.
Und Worthington lässt es sich auch nicht nehmen, gelegentlich als Zuschauer an der „Sunset Retreat Ceremony“ teilzunehmen, einer Zeremonie rund um das Einholen der kanadischen Flagge.Zurück ins „Heritage Center“. Zurück zur Rolle, die die RCMP während der Besiedlung und Entwicklung Westkanadas sowie auf nationaler und internationaler Ebene gespielt hat. Zurück zu den vielen interaktiven Objekten im Museum. Ein Besucher versucht gerade, mit modernen polizeilichen Mitteln einen kniffligen Mordfall zu lösen. Er untersucht per Knopfdruck den Tatort, nimmt Fingerabdrücke und betrachtet einen 50-Dollar-Schein unter der Lupe.
John Worthington genießt es, einige Stunden in der Woche vor allem mit Kindern durch die Ausstellung zu schlendern und ihnen das zu zeigen, was „die RCMP repräsentiert, was sie ausmacht“. Der ein oder andere junge Kanadier wird sicherlich davon träumen, ein „Mountie“ zu werden. Dann wird er zurückkehren nach Regina, zur „RCMP Academy“. So wie der Veteran, der auch nach seiner Pensionierung „nie aufgehört hat, ein Mountie zu sein“.
Text und Bilder: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Usinger Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Kreis Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Oberhessische Zeitung). |