
In New Mexico kann man auf den Spuren der Pueblo-Indianer wandeln.

Die Aztek Ruins erzählen viel über die Menschen, die im Nordwesten zwischen 1100 und 1200 siedelten.

Das Acoma-Pueblo liegt 120 Meter hoch auf einem Tafelberg. Hier wagen die Ureinwohner den Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Ein Mädchen und eine junge Frau vom Stamm der Zuni zeigen im Innenhof eines Museums ihre traditionellen Tänze.

Der Chaco Canyon ist ein heiliger Ort für die Indianer.

In Santa Fe erinnert eine Skulptur an die Zeit, als die Ureinwohner noch mit Pferden auf die Jagd gingen.

In der Himmelsstadt leben Alt und Jung in Adobe-Häusern aus Lehm und Steinen.

Die ,,Great Kiva'' ist ein Höhepunkt beim Besuch der Aztek Ruins.

Die ,,Great Kiva'' zeigt auch von außen, dass die Pueblo-Indianer, die in Aztek siedelten, große Baumeister waren.

Ein Zuni-Indianer in traditioneller Kleidung.
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NEW MEXICO. Unbarmherzig brennt die Sonne. Das grelle Licht lässt am Horizont die Überreste indianischer Kultur unscharf werden. Erde und Baumaterial zeigen sich Ton in Ton: braun bis beige. Wie die Sträucher und Gräser, die im Chaco Canyon nur spärlich wachsen. Der sanfte Wind, der über die Hochwüste bläst, erfrischt dennoch ein wenig und schärft den Blick für die wilde Schönheit des Tales. Für diesen geschichtsträchtigen Ort, der vor über 1000 Jahren das Zentrum der frühen Pueblo-Kultur war. Im Chaco Culture National Historical Park kann man auf staubigen Pfaden auf den Spuren der Pueblo-Indianer wandeln, die hier zwischen 850 und 1250 siedelten und den menschenfeindlichen Bedingungen trotzten.
Der Chaco Canyon ist aber nur eine Stätte, an der die Geschichte der Ureinwohner Nordamerikas sichtbar wird. Im US-Bundesstaat New Mexico leben heute 22 souveräne Indianerstämme, die sich zum Teil noch sehr stark an den
überlieferten Lebensarten orientieren und somit die ur-indianische Kultur pflegen. Sind Navajos oder Apachen noch Namen, die der Liebhaber alter Westernfilme schon einmal gehört hat, Tipis und Federschmuck, Pfeil und Bogen ins Gedächtnis rufen, so ist die hoch entwickelte Kultur der
Pueblo-Indianer weitestgehend unbekannt.
„21 Meilen müssen Sie auf größtenteils nicht asphaltierten Straßen Zurücklegen“, rufe ich mir den Satz des Park Rangers in Erinnerung. Umgerechnet also 40 Kilometer. In der unendlichen Weite dieses Landes, zwischen den Städten Farmington und Gallup, komme ich mir in meinem
komfortabel klimatisierten Fahrzeug etwas verloren vor. Und so schweifen meine Gedanken ab. „Fahren Sie nicht zu langsam.“ Jetzt weiß ich, was der Mann gemeint hat. Je langsamer ich unterwegs bin, desto mehr Schlaglöcher sind zu spüren. 40 Meilen die Stunde fühlen sich einigermaßen erträglich an, auch wenn ich weiterhin die holprige Piste, jeden Stein, jede sandige Furche in meinem Körper spüren kann. Weithin sichtbar wirbeln die Reifen eine riesige Staubwolke auf. Ein Anschleichen an die historische Stätte der Pueblo-Indianer ist nicht möglich.
Endlich am Ziel, lasse ich die Szene auf mich wirken: Reste gemauerter, mehrstöckiger Steinhäuser ragen vereinzelt wie mahnende Finger in den stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Als ich die Wagentür öffne, raubt mir die trockene Hitze fast den Atem. Sonnenhut und Wasserflasche sind ein Muss für
denjenigen, der auf den Wegen zwischen den Gebäuden unterwegs ist. Von manchen sind nur wenige Steine übrig, andere haben die Jahrhunderte überdauert. Nach nur wenigen Metern legt sich eine bleierne Müdigkeit über den Körper, die Augen und der Geist nehmen jedoch jedes Detail war.
Fortwährendes Rätsel
Immer wieder frage ich mich: Wie konnten die Menschen hier vor über tausend Jahren überleben? Eine Antwort liegt sicher in der hoch entwickelten Architektur, die die Pueblo-Indianer hier anwendeten. Unter anderem wurden mehrstöckige Steinhäuser, so genannte „Great Houses“, erbaut, die mehrere
hundert Räume aufweisen konnten.
Exakt durchgeplant, zogen sich die Bauarbeiten manchmal über mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhundert. Die besondere Bauweise aus Lehm und Steinen bot den Bewohnern Schutz vor Hitze, Staub und Naturgewalten. Das wenige Wasser wurde aufwendig gesammelt, der Erde das wenige Nahrhafte abgetrotzt und Wild gejagt.
Der Chaco Canyon war ein zeremonielles, administratives und wirtschaftliches Zentrum. Die Indianer hier trieben Handel mit weit entfernt liegenden anderen Zentren. Obwohl das Tal als Forschungsstätte schon viel preisgegeben hat, bleibt es dennoch ein fortwährendes Rätsel. Forscher nehmen an, dass es schließlich anhaltende Trockenheit war, die die Menschen veranlasste, das Gebiet endgültig zu verlassen. Niemand ist zurückgekehrt. Geblieben ist die Vergangenheit, sichtbar für die Nachfahren der Pueblo-Indianer, für die der Ort auch heute noch eine große spirituelle Bedeutung hat.
Zurück in der Zivilisation führt mich der Weg auf den Spuren der Pueblo-Indianer auf gut ausgebauten Highways in Richtung Norden. Irgendwo da draußen gibt es entlang meiner geteerten Route noch prähistorische Straßen, die den Chaco Canyon mit meinem nächsten Ziel, Aztec, verbinden. Aztec ist eine weitere indianische Gemeinschaft, die sich hier zwischen 1100 und 1200 niederließ.
Historiker vermuten, dass darunter auch Bewohner des Chaco Canyon waren. Das „Aztec Ruins National Monument“ ist eine Pueblo-Siedlung, die in direkter Nähe zu einem Fluss entstanden ist, an dessen Ufern sich eine üppige Vegetation ausbreitet. Der Sandstein, aus dem die zahlreichen Gebäude erbaut wurden, hat den Jahrhunderten getrotzt. So zählen die Ruinen heute zu den größten und best erhaltenen Beispielen früherer Pueblos.
Am faszinierendsten ist der Gang durch die so genannte „Great Kiva“. Das runde Gebäude ist das Zentrum der Siedlung. Durch eine niedrige Tür gelangt man in das Innere, wo durch schmale Fensteröffnungen spärliches Licht in den Raum fällt, in dem sich einst die Indianer versammelten. Die „Kiva“ war für sie das Zentrum des Kosmos, der Nabel der Welt, ein heiliger Ort. 1921 von einem Archäologen ausgegraben, wurde die „Great Kiva“ aufwendig restauriert. Sie ist der einzige rekonstruierte Versammlungsort dieser Art im Südwesten der Vereinigten Staaten.
Farbenpracht und Lebendigkeit
Es ist an der Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Wo und wie leben die Nachfahren der Pueblo-Indianer heute? Die 22 souveränen Indianerstämme New Mexicos verteilen sich über das ganze Land. In ihrer Geschichte haben die Stämme viele Veränderungen erfahren.
Heute untermauern sie ihre Selbstbestimmung, in dem sie durch Investitionen in Casinos, Hotels, in Golfplätze, Raststätten oder Tankstellen ihre wirtschaftliche Situation verbessern und Arbeitsplätze, zum Beispiel im Tourismus, schaffen. In östlicher Richtung geht es von Aztec nach Taos. Nach dem ich Eintritt gezahlt und zusätzlich fünf Dollar für meine Kamera hingeblättert habe, betrete ich eine Siedlung, die direkt an die kleine Stadt angrenzt. Einige Touristen schlendern über den staubigen Boden und betreten die in typischer Weise erbauten Gebäude: Adobe-Häuser aus Lehm. Dort sitzen überwiegend alte Frauen und bieten Töpferware, Schmuck oder selbst gebackenes Brot an. Als ich die Kamera hebe, winkt mein Fotomotiv ab. „No photos“. Ich packe meine Kamera wieder ein und schreibe die fünf Dollar als Fehlinvestition ab.
In Santa Fe, der Hauptstadt New Mexicos, überwältigen mich die Farbenpracht und die Lebendigkeit, die neben den Pueblo-Indianern hauptsächlich auch die Nachfahren spanischer Einwanderer gestalten. Neben den schmucken
Adobe-Häusern finden sich hier zahlreiche Galerien und Märkte, in denen die Menschen ihre typischen Waren, ob Töpferei, Schmuck, Kleidung oder Teppiche anbieten.
Kunstliebhaber aus aller Welt machen hier Station und so
verwundert es nicht, dass Santa Fe 2005 von der Unesco als „Creative City“ ausgezeichnet wurde.
Weiter südlich liegt Albuquerque, die größte Stadt in New Mexico. In dieser pulsierenden Metropole ergreife ich die Gelegenheit beim Schopfe und schaue mir im „Indian Pueblo Cultural Center Museum“ eine Vorführung an. Die „Zunis“, ein Indianerstamm, dessen Pueblo rund 150 Meilen westlich von
Albuquerque liegt, zeigen im Innenhof des Museums ihre traditionellen Tänze.
Ihre Gewänder sind farbenprächtig, die Männer tragen überwiegend Rot, die Kopfbedeckung besteht aus Hirschgeweihen, vor ihren Augen hängen dunkle Fransen. Die genauen Bedeutungen ihrer Tänze und ihre Traditionen erklärt ein älterer Indianer. Die Frauen und Mädchen mit ihren langen, schwarzen Haaren und dunklen Kleidern mit türkisfarbenem Schmuck sind hübsch anzusehen. Etwas weiter entfernt haben es sich eine Frau und ein Mann im Schatten eines Schirmes gemütlich gemacht und zeigen traditionelles Handwerk.
Hier erfahre ich auch, dass das Acoma-Pueblo, auch „Sky City“ (Himmelsstadt) genannt, eine Reise wert ist. Gar nicht weit von Albuquerque entfernt, parke ich den Wagen am Fuße eines Tafelberges. Im modernen Museum wird die jahrhundertealte Geschichte dieses Volkes erzählt. Oben auf dem Berg ist sie noch lebendig, denn hier wohnen noch zahlreiche Stammesmitglieder in den typischen Lehmhäusern, die immer wieder in alter Bauweise renoviert werden müssen. Die Menschen wagen hier den Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Viele leben noch gänzlich ohne Elektrizität, verdienen ihr Geld mit Handwerkskunst und der Schmuckherstellung. Ihre Kinder und Enkelkinder sind aber schon längst in der Gegenwart angekommen und fahren mit Autos den 120 Meter hohen Tafelberg hinab in die Städte. Doch auch in „Sky City“ drängt sich angesichts der alles verdörrenden Sonne und des spärlichen Niederschlages wieder die Frage auf: Wie konnten die Vorfahren der Pueblo-Indianer in diesem unwirtlichen, wilden Land nur überleben?
Text und Bilder: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Oberhessische Zeitung, Usinger Anzeiger, Kreis Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt). |