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Reisekamera aus Holz schon 1890 im Einsatz
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Im Kameramuseum Heuchelheim sind über 1100 Exponate ausgestellt
 


Wie Zinnsoldaten stehen die Balda-Balgenkameras aus dem Jahr 1930 auf dem Regal.


Sabine Reddemann und Siegfried Jaedike inmitten ihrer über 1100 Exponate im Kameramuseum.


Die ,,Laterna magica''.


Die legendären Kameras des Herstellers Leica aus Wetzlar dürfen natürlich nicht fehlen.


Siegfried Jaedike zeigt stolz eine seiner Lieblingkameras von Minox.


Wo Kameras ausgestellt sind, da dürfen Filme nicht fehlen. Die Rollen sind noch in ihren Originalverpackungen.


Die Rotlichtlampe weist den Weg in die Dunkelkammer des Kameramuseums.


Diese alte Holzkamera gehört zu den ältesten Stücken des Museums. Mit dem anderen Gerät betrachtete man sich früher Bilder.


Sabine Reddemann zeigt eine Spionagekamera der Firma Minox.


Die alten Kameras erzählen die Geschichte der Fotografie.

 

HEUCHELHEIM. In den Details kann sich der Betrachter verlieren. Objektive, Auslöser, Gehäuse aus Holz oder Metall, in gold, silbern oder schwarz. Herrlich anzusehen sind sie, die Leicas, Minox und Zeiss-Apparate. Sie haben in all den Jahren, in denen sie aus unzähligen Einzelteilen zu kleinen technischen Wunderwerken zusammengefügt wurden, lustige oder ernste, private oder berufliche Ereignisse ihrer Besitzer auf Platte oder Film festgehalten. Fein säuberlich aufgereiht und mit kleinen Hinweisschildchen versehen, stehen die Geräte in Glasvitrinen, um den Besuchern des Heuchelheimer Kameramuseums die Geschichte der Fotografie zu erzählen.

Technik, Herkunft, Besonderheiten, Produktionsdaten, Stärken und Schwächen, über all das wissen Siegfried Jaedike und seine rechte Hand Sabine Reddemann genauestens bescheid. Sie haben in der kleinen Gemeinde Heuchelheim im Landkreis Gießen in Hessen etwas geschaffen, das Fotografen und Kameraliebhabern das Herz höher schlagen lässt. Fernab moderner Digitalfotografie, die vor allem durch eines besticht: ihre Schnelllebigkeit.

Ganz oben auf der Vitrine steht eines der ältesten Exponate des kleinen Museums. Baujahr 1890. Das Gehäuse ist aus Holz. Woraus sonst. Als Reisekamera war sie im Einsatz. Kaum zu glauben, was der Fotograf da mit sich herumschleppen musste, um die Geschehnisse dieser Zeit auf Platten für die Nachwelt zu erhalten. Das Stativ war bei den damaligen Belichtungszeiten ein absolutes Muss. Noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit zurück geht der Besucher beim Blick auf die „Laterna magica“, eine jener „Zauberlaternen, die schon vor Hunderten von Jahren die Menschen in ihren Bann zog. Sogar der Originalkarton steht hinter der „Laterna magica“ aus dem Jahr 1890.

Mit diesem Gerät projizierte man Zeichnungen und Bilder auf Wände. Auch der Projektor, der den stolzen Namen „Siegfried“ trägt und aus dem Jahr 1904 stammt, ist ein echtes Schmuckstück und mit seinen Maßen von rund einem Meter Länge und knapp 43 Zentimetern Höhe und Breite ein echter Hingucker. So weit zu Film- und Diaprojektoren, die in vielen verschiedenen Fabrikaten aus verschiedenen Baujahren daherkommen.

Schwarzes Tuch über dem Kopf

Die Herzen von Siegfried Jaedike und Sabine Reddemann schlagen aber eindeutig für die Kameras. Und das kommt nicht von ungefähr. Er ist gelernter Fotografenmeister. Als er von Berlin nach Heuchelheim zog, konnte er sein Wissen auch bei seinem neuen Arbeitgeber, der Firma Minox anwenden. Zunächst im Kundendienst, dann als Leiter Verkauf Inland. „Nebenbei hatte ich ein kleines Fotoatelier laufen“, erzählt Siegfried Jaedike.

Hochzeiten, Porträts, Passbilder, Familienfotos, unzählige Mal drückte er den Auslöser. „Als Fotograf arbeitete ich noch mit einem schwarzen Tuch über dem Kopf. Die Filme entwickelte ich in schwarz-weiß in meinem Fotolabor, das in der Speisekammer untergebracht war.“ Was ihn an den Fotoapparaten bis heute fasziniert, „ist die Technik auf kleinstem Raum“.

Nicht weniger begeistert ist seine Mitstreiterin Sabine Reddemann. „Als Kind habe ich mit einer Kodak Instamatic fotografiert.“ Kaum zu glauben, dass man sich außer an eine Ritsch-Ratsch-Klick noch genau an das Fabrikat erinnern kann. Der Vater hatte eine Minox 35 zuhause, die „einen hohen ideellen Wert für mich hat“, so Sabine Reddemann. Die Fotografie war immer ihr Hobby.

Als Siegfried Jaedike 1999 das Kameramuseum in dem ehemaligen Backhaus einrichtete, schaute sie öfter einmal als Besucherin vorbei. Erst durch die Recherche für einen Artikel über den engagierten Museumsleiter 2007 für eine heimische Tageszeitung lernten sich die beiden näher kennen und entdeckten ihre gemeinsame Leidenschaft für alte Kameramodelle.

Seitdem kümmern sich die beiden gemeinsam um die inzwischen 1100 Exponate, die auf zwei Etagen auf engstem Raum untergebracht sind, was im Übrigen den Charme des kleinen Museums mit ausmacht.

Balgen-, Box- und Kleinbildkameras stehen neben Rollfilm-,
Polaroid- und Spiegelreflexkameras. „Fast täglich kommen neue hinzu“, sagt Siegfried Jaedike. Die Sorgfalt und Liebe, mit denen die zwei Schenkungen oder Leihgaben minutiös auflisten, Produktionsdaten oder technische Details in alten Büchern oder im Internet erforschen, spricht sich nicht nur im Landkreis Gießen unter Fotoliebhabern herum. Zudem funktionieren die Netzwerke von Siegfried Jaedike auch nach dem Beginn seines Rentnerdaseins noch hervorragend. So kennt er die Leute des Minox-Sammelclubs, alle Fans des gleichnamigen Kameraherstellers. Nicht wenige der Geräte stehen jetzt in seinem Museum, das dem Heimatmuseum der Gemeinde angeschlossen ist.

Auf Heuboden gefunden

Aus Seeheim-Jugenheim, aus Wessel in Nordrhein-Westfalen, Heilbronn oder Neuss reisen Leute mit alten, weniger alten oder auch gar noch nicht so alten Kameras, Dia- und Filmprojektoren, Zubehör und vielem mehr an. Keiner wird abgewiesen, alles wird schriftlich genau festgehalten.
Zu vielen der kleinen und großen technischen Meisterleistungen können die beiden Heuchelheimer kleine Geschichten erzählen.

So waren die eingangs erwähnte alte Reisekamera und der Projektor ,,Siegfried'' ein Zufallsfund auf einem Heuboden im Nachbarort Kinzenbach, der von einer älteren Dame vorbeigebracht wurde. „Wahrscheinlich stammt die Reisekamera sogar aus dem Jahr 1890 und ist eine Holzbauarbeit von Richard Bentzin“, erklärt Sabine Reddemann. Wenn sie sich mit Siegfried Jaedike unterhält, dann kann der Laie nur noch staunen. Leidenschaft ist also nicht nur, Kameras zu sammeln, zu pflegen, zu restaurieren und sie auszustellen, um sie so vielen Liebhabern zugänglich zu machen. Vielmehr wollen beide auch immer alles bis ins kleinste Detail wissen.

Viele Schmuckstücke werden dem Kameramuseum überlassen, „weil ältere Menschen kommen und sagen: Meine Kinder haben kein Interesse an der Fotografie. Die schmeißen sie nur weg“, sagt Sabine Reddemann. Eine ältere Dame habe sogar Tränen in den Augen gehabt, als sie eine Balgenkamera vorbeibrachte.

Auch wenn die beiden Heuchelheimer selbst längst mit der Digitalfotografie und Bildbearbeitung am Computer begonnen haben, in dem ehemaligen Backhaus in der Wilhelmstraße 36 haben sie sich ein kleines Paradies geschaffen, in dem sie auf Zeitreise gehen und die Geschichte der Fotografie sehen, berühren und auch riechen können. Gerne führen sie die Besucher durch die Ausstellung, knipsen im Obergeschoss, in dem ein Fotolabor eingerichtet ist, die Rotlichtlampe an, oder holen eine Kamera aus der blitzsauberen Vitrine, um sie detailliert zu beschreiben, oder sie ihrem Gegenüber in die Hand zu legen.

Museumsleiter Siegfried Jaedike steht vor dem Glasschrank, in dem in roter Schrift auf die Firma Minox hingewiesen wird. Er nimmt eine kleine, goldene Kamera heraus, ganz vorsichtig, als hätte er Angst, sie könne unter seinen Fingern zerbrechen. Ein Lieblingsstück von ihm. Minox, damit verbindet er nicht nur Erinnerungen an seinen Arbeitgeber. Die Firma hat auch eine enge Verbundenheit mit der Gemeinde Heuchelheim. 50 Jahre war hier der Produktionsstandort der Firma, deren hemdtaschen-kleine Kameras als Spionagekameras Weltruhm erlangten. Legendär unter Profis und Hobbyfotografen sind auch die 8x11er oder die der 35er-Serie.

Aber auch wer nun so gar keine Vorstellung davon hat, wie die Kameras aussehen, der muss sich nicht abschrecken lassen. Sowohl Siegfried Jaedike als auch Sabine Reddemann verstehen es auf sympathische Weise, auch den Laien mit auf die Reise zu nehmen.

An jedem zweiten Sonntag im Monat ist das Kameramuseum für Besucher geöffnet. Auch können Interessierte telefonisch einen Termin ausmachen. Wer übrigens eine Kamera zu Hause hat, die er nicht mehr benötigt oder die als Staubfänger im Müll zu landen droht, Siegfried Jaedike und Sabine Reddemann freuen sich über neue Geräte als Schenkungen oder Leihgaben. Und vielleicht sind es dann Exemplare, die in der Sammlung des Kameramuseums noch fehlen.

Kontakt Siegfried Jaedike (0641) 62394 oder unter

http://www.kameramuseum-heuchelheim.de

Text und Bilder: Kerstin Wahl

     
 
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