
Ein Kapitän empfängt im Bremer Geschichtenhaus die Besucher und erzählt über das harte Leben an Bord.

Dicht an dicht stehen die alten Fachwerkhäuser in Bremens ältestem Stadtteil. Der Schnoor verbindet Geschichte und quirliges Leben.

In vielen der kleinen Geschäfte im Viertel findet der Besucher allerlei Krimskrams.

Aus der Vogelperspektive wird klar, wie klein der Schnoor ist und wie dicht die Häuschen stehen.

Liebevoll erhalten die Besitzer der historischen Fachwerkhäuser die Gebäude. Bäume, Pflanzen und Blumen unterstreichen den Gesamteindruck.

Ihrem Orignial Heini Holtenbeen haben die Bürger ein Denkmal gesetzt.

Die Sonnenuhr zeigt seit 1727 die Zeit an.

Die Wüste Stätte steht auf der Reise durch den Schnoor an erster Stelle. Hier steht das Hochzeitshaus, das wohl kleinste Hotel der Welt. Auch trifft der Tourist hier auf Fisch-Luzie, Gesche und den Schiffskapitän.

Immer wieder sind es die Details, die den Besuch in Bremens ältestem Stadtviertel so interessant machen.

Das Institut für niederdeutsche Sprache ist im Schnoorviertel zu finden.
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BREMEN. Ausgerechnet kurz vor ihrem Ziel müssen sie sich trennen. Mit den Augen Maß genommen, wird dem Liebespaar schnell klar, dass durch diesen Durchgang ein Nebeneinander nicht möglich ist. Das Hochzeitshaus schon in Sichtweite, lösen sich ihre Hände und im Gänsemarsch geht es hintereinander her durch die Gasse zu dem Platz, der den Namen Wüste Stätte trägt. Es ist nur ein kleiner Bereich im ältesten Stadtteil der Freien Hansestadt Bremen, dem ,,Schnoor''. Aber er verbreitet den typischen Charme des Viertels, das jährlich hunderttausende Besucher anlockt.
Die Wüste Stätte ist voller Menschen. Vor einem kleinen Café ruhen sich Touristen bei einem Stück Kuchen aus. Sonnenstrahlen dringen nicht zu ihnen, zu dicht stehen die Gebäude. Die beiden jungen Leute, deren Hände sich längst wieder gefunden haben, stehen vor einem schmalen, in kräftigen Erdfarben gestrichenen Haus mit blauer Tür und versuchen einen Blick durch die Fenster in das Innere zu erhaschen. Vergeblich. Die Vorhänge sind zugezogen, das Schild ,,Bitte nicht stören'' unmissverständlich. Alles weitere über die Ausstattung der über drei Etagen gehenden Suite und deren Mieter bleibt der Phantasie der Betrachter überlassen.
Das Hochzeitshaus, das wahrscheinlich kleinste Hotel der Welt, ist ein Hauptanziehungspunkt in dem historischen Quartier der Stadt an der Weser, in dem alles klein und niedlich wirkt. Wer durch die engen Gassen läuft, hat das Gefühl, sich in einer Spielzeuglandschaft zu bewegen. Diese entdecken Kinder bekanntlich mit großer Neugier, viel Sinn für Details und Begeisterungsfähigkeit. Und genau so sollte sich der Schnoor-Besucher auch auf die Fachwerkhäuser mit ihrem
geschäftigen Innenleben, die mit Steinen gepflasterten Straßen, die Inschriften an alten Holzbalken, die Anekdoten über ehemalige Bewohner, die Gerüche und die Menschen, die das Leben im Quartier heute gestalten, einlassen. Es gibt viel zu entdecken auf einer Reise, die in die Vergangenheit der Stadt führt. Ohne dabei verstaubte Schwere und Langeweile
zu erleben, die sonst Geschichte häufig umgibt.
Die Freie Hansestadt Bremen - mit Bremerhaven - ist das kleinste Bundesland. Die Stadtgemeinde Bremen, die Landeshauptstadt, ist bekannt für ihr Rathaus und die gewaltige Roland-Statue auf dem Marktplatz, die 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt wurden. Ein weiteres Wahrzeichen sind die Bremer Stadtmusikanten, deren Denkmal an einer Ecke des Rathauses steht. Die Stadt steht für Außenhandel, Schifffahrt, für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Bremen ist aber auch ein touristischer Anziehungspunkt an der Weser, der den Besuchern neben seinen geschäftigen Einkaufsmeilen den wunderschönen Bürgerpark, zahlreiche Museen, das moderne Science Center Universum und eben seine Altstadt, den Schnoor, zu bieten hat.
Schiffshandwerk
Nur wenige Gehminuten vom Marktplatz im Zentrum entfernt, lässt der Spaziergänger die Moderne, Autos und Straßenbahnen hinter sich. Aber nicht das Quirlige, das Lebendige, auch wenn zahlreiche Häuser in dem Quartier schon Jahrhunderte in den Balken haben. Sie stehen so dicht aneinander, ja fast wie aneinandergeklebt wirken sie, dass sie sich gegenseitig zu stützen scheinen. Sie verleihen dem Schnoorviertel mit seinen Gassen Charme und Romantik des Lebens in früherer Zeit.
Der Name Schnoor stammt vom niederdeutschen Wort ,,Snoor'' (Schnoor) und steht für Schnur. Die Bezeichnung leitet sich aus dem Schiffshandwerk ab. Um zur See fahren zu können, benötigten die Schiffer damals Taue und Seile, Schnüre eben, die in mühevoller Handarbeit hergestellt werden mussten. Erstmals schriftlich erwähnt wird der Schnoor im 13. Jahrhundert, als dort ein Franziskanerkloster gebaut wurde. Von diesem ist allerdings nur noch die Klosterkirche, die heutige katholische Probsteikirche St. Johann, erhalten geblieben. Das gotische Gotteshaus beeindruckt durch seine Größe, es überragt das Gebiet und ist weithin sichtbar. Um so krasser fällt daher der Gegensatz zu den rund 100 kleinen Häusern aus, die teilweise seit dem 15./16. Jahrhundert den Menschen ein Zuhause bieten. Die Gebäude reihen sich entlang der gut ein Dutzend Gassen, wie Perlen an einer Kette.
Die Straßennamen verraten bei genauerem Hinsehen auch einiges über die Vergangenheit. Die Straße ,,Hinter der Balge'' zum Beispiel folgt dem Weg, den der im 19. Jahrhundert zugeschüttete Fluss Balge einst genommen hat. Der Stavendamm erinnert an die Staven. So nannten die Bremer beheizbare Räume und damit Badestuben, wo sich im Mittelalter die Bürger trafen. Oder die Wüste Stätte, die ihren Namen, so vermuten Historiker, nach einem Brand im Jahre 1659 erhielt. Die zerstörte Straße soll nämlich bis zu ihrem Wiederaufbau im Jahre 1800 ,,wüst'', also unbebaut, geblieben sein. Eine lange Zeit.
Das Schlendern durch die Wüste Stätte gehört zum Programm eines jeden Bremen-Besuches. Denn hier steht nicht nur das bereits erwähnte Hochzeitshaus mit seinen kleinen Blumenkästen an den Fenstersimsen. Hier kann der Zeitreisende sich auch auf einen Plausch mit der Fisch-Luzie oder Gesche Gottfried, einem Böttchermeister oder einem Schiffskapitän einlassen. Sie alle sind Berühmtheiten der Region. Laienschauspieler in historischen Kostümen verleihen ihnen Gesichter und Stimmen, erwecken sie wieder zum Leben. In dem alten Packhaus, dem Bremer Geschichtenhaus im Schnoor, erzählen sie über die Menschen und die Zeit, in der diese ihrem Handwerk, ihrer Arbeit, nachgingen.
Giftmörderin
So schlendern die Besucher zum Beispiel durch ein Kaufmannskontor, in dem Handelsgeschäfte abgewickelt werden, und ein Kapitän spricht über das harte Leben auf See und steht dabei auf Schiffsplanken. Eine Gänsehaut läuft nicht nur den jüngeren Zuhörern über den Rücken, wenn Frau Gesche Gottfried über ihre Schandtaten berichtet. Sie lebte von 1785 bis 1831 in der Stadt an der Weser und ging als Giftmörderin in die Historie ein. Der besondere Geschichtsunterricht beginnt immer dann, wenn Neugierige Gesche, Luzie und Co. in das Packhaus folgen.
Bekannt wie ein bunter Hund im ältesten Viertel der Stadt ist auch das Bremer Original Heini Holtenbeen, der den Spitznamen wegen seines Holzbeines erhielt. Ihm, der im 19. Jahrhundert durch die Gassen humpelte und sich von kleinen Dienstleistungen und Almosen ernährte, hat man sogar ein bronzenes Denkmal gesetzt. Direkt neben ihm stehen im Sommer Tische und Stühle eines Cafés, so dass der Gast das Gefühl hat, der alte Mann mit dem Stock schaue ihm über die Schulter.
Aber nicht nur auf Augenhöhe sollte der Schnoor-Besucher seinen Blick schweifen lassen. Auch ein Blick nach oben verspricht immer wieder interessante Perspektiven. So fällt unter dem Giebel eines alten Fachwerkhauses eine Sonnenuhr auf, die seit 1727 die Zeit anzeigt. Zu lesen darauf ist, am besten durch das Teleobjektiv eines Fotoapparates, eine Buchstabenfolge, die nach Meinung eines ehemaligen Denkmalpflegers bedeutet: Wenn die Sonne scheint, kündet sie von Gott unsere Zeit - Deutet Gott Lob Preis sei Dir.
Auch wenn das Historische überwiegt, so ist der Schnoor kein begehbares Museum. In den alten Fachwerkhäusern haben sich vielmehr Kunsthandwerksbetriebe, wie eine Glasbläserei, Galerien und Gastronomie angesiedelt. Madame Lothárs Travestie Theater ist dort ebenso beheimatet, wie ein Bärenhaus, zahlreiche kleinere Läden mit allerlei Krimskrams oder auch ein ,,Handyman''. Das 21. Jahrhundert lässt grüßen.
Bunt präsentiert sich darüber hinaus der Teil der Altstadt, der zur Stadtseite hin zeigt. Hier kann man farbenprächtige Wohnhäuser bewundern, die in den 80er Jahren von den Architekten Goldapp und Klump gebaut wurden. Ein Gegensatz, der nur allzu deutlich macht, dass im Schnoorviertel viel Leben steckt. Lehrreich ist auch der Besuch des Instituts für niederdeutsche Sprache, das seit 1973 dort angesiedelt ist. Zwar ist die Sprache für den weitgereisten
Tourist so schwer zu verstehen, wie jede andere Fremdsprache auch, aber Übersetzungen werden gleich mitgeliefert. Nach dem Spaziergang in Bremens ältestem Stadtteil ist es ratsam, die Eindrücke in einem der Cafés bei einem Bremer Klaben oder einem Kluten zu verarbeiten.
Dabei handelt es sich um ein beliebtes Gebäck beziehungsweise eine Süßigkeit. Die bekommt man aber auch dort, wo die engen Gassen in große Verkehrsstraßen münden, wo Autos und Straßenbahnen lärmen und man zurück in
der Gegenwart ist.
Text und Bilder: Kerstin Wahl
Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Kreis Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Usinger Anzeiger, Oberhessische Zeitung) und im Journal der Verlagsgruppe Rhein-Main. |