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Mit Stahlkoloss durch dunkle Schluchten
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Zugfahrt mit dem Royal Gorge führt entlang des Arkansas River
 


Der Royal Gorge fährt in die geheimnisvolle Schlucht ein. Der Zug stammt aus den 50er Jahren. Die Eisenbahnlinie dagegen wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts gebaut.


Am Santa Fe Depot startet die Reise in die Schlucht Royal Gorge.


Blick fürs Detail: Die Räder des über 50 Jahre alten Zuges.


Aus der Schlucht heraus sieht die Royal Gorge Bridge aus, wie ein dunkles Seil.


Über ein halbes Jahrhundert findet die Lok schon ihren Weg über die Gleise.


Die höchste Hängebrücke der Welt, die Royal Gorge Bridge, strahlt im Glanz der untergehenden Sonne.


Der Rocky Mountain Express klettert entlang der Felswände wie eine Bergziege in Richtung Silverton. Gestartet ist er in Durango.


Die Crew der historischen Züge trägt selbstverständlich Mode aus dieser Zeit.


Dieser Zug fährt zwischen Alamosa und La Veta. Mitte 2006 wurde die Strecke für Touristen erschlossen.


Bob Vicker geht durch die Abteile seines Zuges Royal Gorge. Die Passagiere applaudieren dem Lokomotivführer.

 

CANON CITY/COLORADO: 321 Meter. Dicke Holzplanken und kalter Stahl geben Sicherheit. Das Auge sucht auf dem Weg in die Tiefe Halt an Felsvorsprüngen, Vögel verführen den Blick auf die raue Bergwelt der amerikanischen Rocky Mountains. Magisch angezogen geht es dennoch weiter in den Abgrund. Tiefer und tiefer, der Magen wird flau, das Gefühl zu fallen stellt sich ein. Ein Rinnsal, 321 Meter entfernt, schlängelt sich wie eine Lebensader durch die düster und geheimnisvoll wirkende Schlucht. Ein lauter Pfeifton kündigt Veränderung an. Und wirklich. Ein Zug windet sich wie eine Schlange an Granit entlang und kriecht weiter und weiter, verharrt schließlich an einer Stelle.

Gleißendes Licht taucht die Hängebrücke, die 1929 von Meisterhand über die Schlucht, die Royal Gorge, gespannt wurde, in ein magisches Licht. Die Royal Gorge Bridge in der Nähe von Canon City überquert den Arkansas River in einer Höhe von 321 Metern und ist damit die höchste Brücke der Welt. Sie hat eine Gesamtlänge von 384 Metern, auf 268 Metern überwindet sie den tiefen Riss in der Erdoberfläche.

Es ist Zeit für einen Wechsel der Perspektive. Zu sehr fasziniert hat der Blick in diese geheimnisvolle Schlucht, die Royal Gorge. Und welches Transportmittel eignet sich für eine Expedition besser, als der Zug, der aus Schwindel erregender Höhe wie eine kleine Spielzeugeisenbahn aussieht.

Nur eine kurze Autofahrt entfernt liegt Canon City. Die Kleinstadt rund 140 Kilometer südlich von Denver war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Goldgräbersiedlung. Der Bau der Eisenbahnlinie hauchte ihr Leben ein. Die Royal Gorge-Strecke wurde von der Denver und Rio Grande Western Railroad 1874 als Schmalspurlinie durch die Schlucht gebaut – zur damaligen Zeit eine technische Meisterleistung.

Noch heute spielt der Zug eine wesentliche Rolle im Leben der rund 16 000 Einwohner. Am Santa Fe Depot treffen sich Eisenbahnfreunde und Menschen, die ein Hauch amerikanischer Geschichte erleben wollen. Hier fährt er los, der „Royal Gorge“. Der hat zwar noch nicht ganz so viele Jährchen auf dem Buckel wie die Royal Gorge-Strecke, aber schon seit den 50er Jahren findet er seinen Weg.

Eisenbahnen spielen überhaupt in der Geschichte des US-Bundesstaates Colorado bedingt durch den Goldrausch, die Besiedlung des Westens und die Bergbau-Aktivitäten eine große Rolle. So verwundert es nicht, dass in den Rocky Mountains neben einem modernen Schienennetz noch einige historische Züge wie der „Royal Gorge“ ihren Dienst tun. Und da Colorado eine Vielfalt an Landschaften zu bieten hat, verleiht sie jedem der Museumszüge ihren ganz individuellen Charme.

Neben der Cumbres and Toltec Scenic Railroad entlang der Grenze zwischen Colorado und New Mexico sowie der La Veta-Alamosa-Strecke, die erst vor etwas über einem Jahr mit der The San Luis and Rio Grande Railroad für Touristen erschlossen wurde, ist der wohl berühmteste der Rocky Mountain Express. Der nimmt seit Ende des 19. Jahrhunderts die 70 Kilometer lange Strecke Durango-Silverton in Angriff. Dabei schlängelt er sich entlang der Felswände und überwindet beeindruckende 2700 Höhenmeter. Die alte Lok stößt schwarzen Rauch aus, was die Fantasie zusätzlich beflügelt. Geschichte zum schnuppern.

Technische Meisterleistung

Als Stahl gewordene Bergziege kommt der „Royal Gorge“ nicht daher. Vielmehr wirkt er wie ein unerschrockener Gigant, der sich in einen tiefen, unergründlichen Schlund stürzt.

Der kleine Bahnhof wirkt verschlafen, wie alles in Canon City. Auf der den Gleisen abgewandten Seite lösen Väter an einem Schalter für ihre Familien Tickets, Senioren warten ungeduldig auf das Pfeifen, das die Einfahrt des Zuges signalisiert. Noch reflektieren die Gleise die Sonnenstrahlen. Durchdringend, wenn auch noch aus Gehör schonender Entfernung, kündigt sich schließlich die Eisenbahn an. Menschen strömen nach draußen.

Beeindruckend schiebt sich die Lok näher und näher. Quietschend greifen die Bremsen in Metall, schnaufend kommt der Koloss zum Stehen. Die Wagons schieben sich sanft ineinander. Aus einem Nebengebäude kommt ein älterer Herr in blau-weiß-gestreifter Latzhose, seine Kappe passt sich perfekt an das Muster an: Bob Vicker, Lokomotivführer. Und das seit über 50 Jahren.

Bedächtig schreitet er auf die Lok zu. Klein, gar verletzlich wirkt er neben soviel geschweißtem Stahl. Auf einer kleinen Leiter klettert er ins Führerhaus. Geduldig wartet er, bis alle Passagiere eingestiegen sind und ihre Plätze gefunden haben. Bob gibt das Startzeichen. Gelassen setzt er den Koloss in Bewegung. Wie ein alter Herr seine Knochen, so reckt und streckt sich das Gefährt, bevor es sich auf die rund 39 Kilometer lange Strecke begibt. Es quietscht und ruckelt. Zeit rennt anderswo.

Entlang der Hauptverkehrsstraße geht die Fahrt. Häuserreihen interessieren nicht, nur die im Hintergrund kurz zu sehenden hohen, bedrohlich wirkenden Mauern erinnern daran, dass Canon City 13 Gefängnisse hat und somit seinen Spitznamen „Prison Capital“ zu Recht verdient.

Ein Schmetterling flattert am Zugabteil vorbei. Eine Geschwindigkeit von 15 Meilen pro Stunde erreicht der „Royal Gorge.“ Für Bob, der bis zu seiner Pensionierung vor rund neun Jahren in anderen Städten der USA moderne Züge mit bis zu 50 Meilen pro Stunde im Zaum hielt, also kein Problem.
Als die „Gorge“, die Schlucht, immer näher kommt, wird schnell deutlich: der Zug dürfte keinen Zentimeter breiter sein.

Weich schmiegen sich die Gleise und damit auch der Stahlkoloss an den Arkansas River. Die Landschaft wird rauer. Bob lässt sich in seiner Fahrerkabine den lauen Sommerwind um die Nase wehen. Er kommt ins Schwärmen. „Auch nach all den Jahren ist es nie das gleiche, in die Schlucht einzufahren.“ Was genau er damit meint, geht in einem grellen Pfeifton unter.

Der Zugführer hat an einem Seil gezogen. Ein verschmitztes Lachen huscht über sein Gesicht. Ein Sonnenstrahl trifft sein Namensschildchen. Das „Engineer“, seine Berufsbezeichnung, blinkt in der Sonne. Für ihn hat die „Royal Gorge“ und der gleichnamige Zug etwas von den Schweizer Alpen. Aber schon spricht der Patriot wieder über seine „einzigartige“ Lok und die Landschaft.

Hochsaison ist für Bob und seine Kollegen im Juli und August. Bis zu 600 Passagiere können an Bord gehen. „Im Januar und Februar“, erzählt er, „stehen die Räder still. Dann wird der Zug überholt, Reparaturen vorgenommen und die Wagons erstrahlen in neuem Glanz.“ Alles an dem alten Gefährt und auch die Wagen stammten aus den 50er Jahren. „Die Coaches mit den Glasdächern zum Beispiel kommen aus Alaska.“ Wer Originalteile sucht, muss weit reisen.

46 Meter Hohe Stahlgittertürme

Im Restaurant-Abteil herrscht hektische Betriebsamkeit. Immer wieder schweift der Blick der Passagiere vom Teller hin zum Fenster. Wer auf der linken Seite des Abteils sitzt, blickt auf den Arkansas River, der einmal ruhig dahin gleitet, um dann wieder seine wilde Seite zu präsentieren. Auf der rechten Seite dagegen kann man das Granitgestein in seinen Maserungen erforschen. Immer wieder beeindruckt die Nähe von Zug und Felsen. Nicht umsonst sind die Warnschilder, sich während der Fahrt zu keiner Zeit nach draußen zu lehnen, überall angebracht.

Plötzlich wird es dunkler im Zugabteil, die in gold eingefassten Lampen an der Decke werden eingeschaltet. Es wird merklich kühler. Die Lokomotive verschwindet weiter in der Schlucht. Steil ragen die Felswände empor. Im geschlossenen Restaurantwagen ist nur noch Stein beim Blick aus dem Fenster zu sehen. Zeit also, sich auf eine der Aussichtsplattformen zu begeben.

Die Blicke der Zugpassagiere gehen alle nach oben, ins Licht, dort wo der blaue Himmel und die Sonnenstrahlen Wärme versprechen. Hinter einer Kurve taucht sie auf: die Royal Gorge Bridge. 321 Meter entfernt, wirkt die höchste Brücke der Welt aus der Forschperspektive nur noch wie ein dunkles Seil, das über zwei Felsen gespannt ist. Der Weg über die Schlucht ist fünf Meter breit. Hier begegnen sich Menschen. Angst, Erregung, Verwunderung, Freude oder Abenteuerlust sind zu spüren. Eine kleine Bimmelbahn holpert über die dicken Holzplanken, verniedlicht den atemberaubenden Eindruck, den die Stahlkonstruktion inmitten der Bergmassive des Bundesstaates Colorado hinterlässt.

Beeindruckend sind dagegen wieder die vier Stahlgittertürme, jeder ragt 46 Meter in stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Zwei Kabel verbinden sie miteinander. An ihnen entlang geht es zurück zum Ende der Brücke, zurück auf sicheren Boden. Hier findet nun alles seinen Halt. Die letztlich 2100 Stahldrähte sind massiv verankert in Betonwiderlagern. Das Bauwerk ist nicht für den öffentlichen Verkehr freigegeben und wird damit zum Kunstwerk des Erbauers Lon Piper. In dem kleinen Vergnügungspark, der vor dem Bauwerk entstanden ist, tummeln sich Touristen.

Zurück in die Schlucht. Lokomotivführer Bob Vicker bringt den Zug genau an der Stelle zum Stehen, wo sich massive Verankerungen der Brücke in den Berg bohren und wo der Blick auf das Bauwerk nicht schon nach kurzer Zeit zur Genickstarre bei den Passagieren führt. Fotoapparate klicken, Blitzlichter versuchen vergeblich, die Schlucht zu erhellen. Und weiter geht die Fahrt. So plötzlich die Dunkelheit kommt, so plötzlich wird der „Royal Gorge“ wieder in gleißendes Licht getaucht.

Ein idyllisches Tal öffnet sich dem Betrachter, der Arkansas River zeigt sich wieder in seiner grün-bläulichen Farbe und spült die letzten Beklemmungen davon. Der Zug kommt zum Stehen und Bob Vicker holt sich schon einmal den Applaus seiner Passagiere ab. Denn: der Zug hat keine Wendemöglichkeit. Und so muss der Lokomotivführer einmal durch die ganzen Abteile zum Ende seines Gefährtes, um zurückzufahren.

Wieder stürzt sich der Koloss in die Schlucht, die nichts von ihrer geheimnisvollen Atmosphäre verloren hat. Waren die Passagiere auf dem Hinweg noch zu sehr von Dunkelheit, Granit und der Royal Gorge Bridge beeindruckt, so können sie nun mehr Details aufnehmen: eine alte, verfallene Hütte an einem Felsvorsprung, längst vergessene, von Rost überzogene Gerätschaften. Holzreste lassen eine Art Leitung entlang des Arkansas River vermuten. Schon sind sie hinter der nächsten Felskante verschwunden.

Als der Zug erneut das Sonnelicht einfängt, ist die Fahrt nach zwei Stunden am Santa Fe Depot in Canon City beendet: für Eisenbahnenthusiasten und diejenigen, die nun dem Charme dieser nostalgischen Art des Reisens erlegen sind. Auch wenn es am Ende keine wirkliche Ankunft, kein Bleiben gibt. Noch einmal lauscht man dem Ton, wenn Bremsen auf Metall treffen und der über ein halbes Jahrhundert alte Stahlkoloss langsam zum Stehen kommt. Noch einmal zieht Lokomotivführer Bob Vicker die Leine und lässt das ohrenbetäubende Signal ertönen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Was hat die Fahrt in die Schlucht dem „Engineer“ heute für neue Eindrücke beschert? Es bleibt sein Geheimnis.

Text: Kerstin Wahl
Bilder: Kerstin Wahl (9), Colorado Tourism (1)

Erschienen in der Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Usinger Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Kreis Anzeiger und Gelnhäuser Tageblatt).
Journal der Verlagsgruppe Rhein-Main

     
 
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