
Die Skyline von Seattle.

Im Untergrund erfährt man viel über die Geschichte der Stadt.

Im Pike Place Market gibt es frischen Fisch zu kaufen. Und manchmal fliegen die Tiere auch durch die Luft.

In der ganzen Stadt findet der Ruhesuchende kleine Oasen.

Von der Waterfront aus hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt. Im Hintergrund ist das Wahrzeichen, der Space Needle, zu sehen.

Mit dem Flugzeug ist es nur ein Katzensprung in die Wildnis vor den Toren Seattles.

Vor der Küste tummeln sich Killerwale, die von Booten aus beobachtet werden.

Downtown Seattle.

Mit der historisch aussehenden Straßenbahn lässt es sich ohne Staus die Stadt erkunden.

Bäume säumen die Straßen im alten Teil der Stadt..
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SEATTLE. Als Tourist ist man hier schnell entlarvt. Wer in Seattle einen Regenschirm bei sich trägt, ist mit einem Vorurteil im Gepäck an der Pazifikküste gelandet. Hartnäckig hält sich nämlich das Gerücht, dass es in der Metropole im Nordwesten der USA neun Monate im Jahr regnet. Die „Seattleites“, wie sich die Bewohner der Stadt selbst nennen, lächeln daher meist nur wohlwollend, wenn ein mit einem solch bunten und gefalteten Nässeschutz ausgestatteter Besucher ihren Weg kreuzt.
Sie wissen es besser: In der Stadt, die zwar den Beinamen „rainy city“ (verregnete Stadt) trägt, fällt nämlich insgesamt weitaus weniger Regen pro Jahr, als zum Beispiel in New York City oder Chicago. Wahr ist allerdings, dass es häufiger nieselt. Eine Jacke, die feine Wassertröpfchen abhalten kann, sollte daher auf der Entdeckungsreise durch die quirlige, junge und sympathische Stadt immer dabei sein.
Zwischen Puget Sound und Lake Washington liegt Seattle inmitten einer grandiosen Natur aus Seen, Bergen, Flüssen, ruhenden Vulkanen, Gletschern und Felsklippen. Eine moderne, pulsierende Metropole, die nur einen Steinwurf von der Wildnis entfernt liegt. Diese, in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents, einzigartige Nähe ist sicher mit ein Grund, warum die Stadt, die nach dem Indianerhäuptling Chief Seattle benannt ist, so anziehend und eine der boomenden Regionen der USA ist.
Das Klima mit milden Wintern und kühlen Sommern tut ein Übriges, um die Stadt im Landkreis King County des US-Bundesstaates Washington attraktiv zu machen. Mehrfach
wurde Seattle als „Lebenswerteste Stadt“ in den USA ausgezeichnet.
Die Skyline steht als Zeichen für Dynamik und wirtschaftliche Erfolge. Einer der berühmtesten Söhne der Region ist der weltweit bekannte Gründer der Computerfirma Microsoft, Bill Gates. Der Unternehmer ist neben der Firma Boeing, die hier seit ihrer Gründung 1916 vielen Menschen ein Auskommen gibt, einer der größten Arbeitgeber. Aber auch so bekannte Namen wie der Internetbuchhändler Amazon, die weltweit erfolgreiche Kaffeehauskette Starbucks oder T-Mobile USA sind hier zu Hause.
Wer aber Seattle in die Herzen der Deutschen spielte, war zweifellos das Liebespaar „Annie“ und „Sam“ alias Meg Ryan und Tom Hanks in dem Mega-Kino-Hit „Schlaflos in Seattle“. So führt natürlich für viele Fans des Liebesfilms der Weg zum Lake Union, wo „Sams“ Hausboot ruhig im Wasser vor
sich hindümpelte und er einen ersten Blick auf seine Angebetete erhaschte.
Wasser ist allgegenwärtig in der fast 600 000 Einwohner zählenden Stadt. Im Westen bietet der Puget Sound Zugang zum Pazifischen Ozean. Neben dem Lake Union gibt es noch den Lake Washington und beide sind mit Kanälen verbunden. Wer Seattle entdecken will, sollte von der „Waterfront“ aus starten, ein bisschen Seeluft schnuppern, dem Meckern der Möwen lauschen und den Schiffen zuschauen. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Skyline und an manchen Stellen blinzelt auch das Wahrzeichen der Stadt durch die Häuserfront hindurch: der 185 Meter hohe „Space Needle“, der 1962 zur Weltausstellung gebaut wurde.
Allerdings sollte man auch etwas Kraft tanken, denn um in das Herz der Stadt, Downtown, zu gelangen, steht dem Entdeckergeist eine große Herausforderung in Form von „tausenden“ von Stufen bevor. Zumindest wirkt der „Hillclimb“ beim ersten Betrachten so. Wer aber gut zu Fuß ist, dem machen die „nur“ 158 Stufen der steilen Treppe nichts aus. Und wenn das Herz vor Anstrengung klopft und schließlich stolz der letzte Schritt nach oben getan ist, steht man inmitten des pulsierenden fröhlichen Markttreiben des „Pike Place Market“.
Dieser wird auch als das „Herz und die Seele“ Seattles bezeichnet. Hier gibt es wirklich alles, von frischem Obst, Blumen, Fisch und Gemüse bis hin zu gemütlichen Restaurants und außergewöhnlichen Souvenirläden. Hier treffen sich die „Seattleites“, Touristen schlendern durch die engen Gässchen und lassen sich hier und da von Straßenkünstlern unterhalten.
Wer neugierig geworden ist durch laute Rufe und freudiges Gelächter, sollte sich anziehen lassen von der Menschentraube, die sich in regelmäßigen Abständen gleich am Eingang des ältesten Bauern- und Fischmarktes der USA bildet. Denn dort gibt es ganz besondere Tiere zu bewundern: die fliegenden Fische. Aber Vorsicht: die hoch motivierten Fischverkäufer von „Pike Place Fish“ verstehen es, unbedarfte Touristen mit sprechendem Fisch zu necken und zum Wegducken zu bringen, wenn ein von ihnen geworfenes Meerestier nicht unerheblicher Größe durch die Luft segelt. Selbstverständlich sind Werfer und Fänger eingespielte Teams und kein Prachtexemplar landet auf dem Boden oder gar im Gesicht eines Zuschauers. Und manchmal fliegt auch nur ein Stofftierchen durch die Luft.
Die Stimmung ist ausgelassen und so lässt sich der Anstieg zur nächsten Sehenswürdigkeit ein bisschen gelassener angehen. Apropos Steigungen: Seattle ist recht hügelig und die meisten Anstiege gilt es in der Innenstadt zu meistern. Mit jedem Schritt kommt der Besucher so aber der Geschichte Seattles, die 1869 gegründet wurde, ein bisschen näher. Fühlt die Veränderungen, die sie im Laufe ihrer Entwicklung von einer kleinen Siedlung hin zu einer modernen Stadt durchlaufen hat. Wer mehr darüber erfahren möchte, der muss in den Untergrund gehen.
Geschichte im Untergrund
Ausgangspunkt ist der Pioneer Square, das älteste Viertel der Stadt. Hier treffen sich Geschichtsinteressierte, die mehr wissen wollen über die Zeit, als die weißen Siedler kamen und die amerikanischen Ureinwohner verdrängten, als noch das Gesetz des Stärkeren galt, Korruption, Prostitution und illegaler Alkoholhandel blühte. Die Eingänge in die Unterwelt liegen allerdings versteckt und sind für den Einzelnen verschlossen.
Den geschichtsträchtigen Untergrund hat ein findiger Geschäftsmann für Touristen erschlossen, der Journalist Bill Speidel. Er bot die „Underground“-Führungen an und lenkte so die Aufmerksamkeit der Stadtväter und Einwohner auf die historischen Gebäude. So konnten sie vor der Zerstörung bewahrt werden und viele stehen heute in einem wieder lebendig gewordenen Viertel unter Denkmalschutz.
Die Touristenführer, die die Gruppen in die Kellergewölbe führen, sind wahre Entertainer. Farbenreich und höchst amüsant erzählen sie, wie die Familie Denny eine Gruppe von Pionieren im Jahr 1851 in den Nordwesten führte, sie auf schlammigem Boden an der kurzen, flachen und überspülten Küste mit sich anschließendem Steilhang die erste Siedlung bauten. Allerdings bekamen die Bewohner Ebbe und Flut nie wirklich in den Griff, Überschwemmungen waren an der Tagesordnung.
Anhand von alten Bildern, die in muffig riechenden Räumen
von diffusem Licht angestrahlt werden, nehmen die Führer ihre Zuhörer mit auf die Reise in die Vergangenheit. Und so erfährt man, dass der eigentliche Grund, warum der „Underground“
überhaupt existiert, die Einrichtung der Toilette mit Wasserspülung im Jahr 1881 ist. Details sollen hier nicht verraten werden. Nur soviel: Um das bei Flut in die Gebäude zurückfließende Wasser in den Griff zu bekommen, schütteten die Stadtväter das Land an der Küste auf, so dass ein kontinuierlicher Anstieg von dort zum Downtown-Bezirk entstanden ist. Der Tourist, der auf Holzplanken, abgewetzten Steinfußböden und schmalen Treppen durch die Geschichte schlendert, befindet sich daher auf der ursprünglichen Ebene der Stadt.
Musik und Science Fiction
Zurück an der frischen Luft bietet ein Besuch des Wahrzeichens von Seattle das perfekte Kontrastprogramm. Auf der Aussichtsplattform des „Space Needle“ kann man die atemberaubende Aussicht genießen. Ein Gebäude fällt dabei
sofort auf.
Direkt neben dem „Needle“ befindet sich ein futuristisch anmutendes Gebäude, das von Frank Gehry entworfen wurde. Er ist der Architekt, aus dessen Feder das Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao entstammt. In der Muschel sind das „Experience Music Projekt“ und das „Science-Fiction Museum and Hall of Fame“ untergebracht. Außergewöhnlich Begegnungen mit der Musik und den Themen Science-Fiction, Wissenschaft und Technik sind hier möglich.
Beide Ausstellungen sind nur ein kleiner Bruchteil von all den Museen und kulturellen Angeboten, die es in der jungen und lebendigen Metropole zu entdecken gibt.
Wer jedoch genug hat von dem quirligen Treiben der amerikanischen Großstadt, der kann sich leicht zurückziehen. Ein ganz besonderes Erlebnis ist für Tierliebhaber sicherlich eine Begegnung mit den schwarz-weißen Killerwalen.
Die faszinierende Welt der San Juan Islands mit insgesamt 700 Inseln vor den Toren Seattles ist das Zuhause dieser faszinierenden und intelligenten Meeressäuger.
Von Booten aus kann man die Tiere beobachten. Und den Weg von der Stadt auf die Inseln legt man am besten in einem der kleinen Wasserflugzeuge zurück. Aus dem fliegenden Taxi heraus hat man einen unbeschreiblichen Blick auf die Stadt und die faszinierende Wildnis, die nur einen Katzensprung entfernt liegt.
Bilder: Kerstin Wahl (6), Seattle Tourism (1)
Erschienen:
Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Usinger Anzeiger, Kreis Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt, Lauterbacher Anzeiger)
Journal der Verlagsgruppe Rhein-Main. |