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Aufregendes Rendezvous mit dem Herrscher der Arktis
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Im Norden Manitobas begegnen Touristen aus aller Welt Eisbären
 


Verspielt rangeln zwei Eisbären miteinander.


Ganz nah kommen die weißen Raubtiere an die Tundra Buggys heran. Die Touristen sind auf den Plattformen sicher.


Die Tundra Buggy Lodge steht in der Wildnis. Von hier starten die Touren zu den Herrschern der Arktis.


Die Weltstadt der Eisbären nennt sich die Stadt Churchill, die am Rande der Hudson Bay im Norden Manitobas liegt. 1000 Menschen leben hier.


Lassen sich die Tiere partout nicht davon überzeugen, dass sie einen Bogen um Churchill machen sollen, werden sie betäubt und mit dem Helikopter ausgeflogen.


In einem Netz werden die betäubten Eisbären unten am Helikopter befestigt. Der Pilot bringt die weißen Riesen in die Wildnis.


Mit Macht prallen die massigen Körper aufeinander. Noch sind die Kämpfe nur ein Spiel.


Wer in die Augen eines Eisbären blickt, vergisst schnell, dass es sich hier um ein gefährliches Rraubtier handelt.


Gibt es hier etwas zu fressen? Neugierig schaut der Eisbäre durch das Fenster eines Tundra Buggys.


 

CHURCHILL/MANITOBA. “Ein Bär!“ Der spitze Schrei reißt die Männer und Frauen aus ihrer Lethargie. Hektische Kopfbewegungen enden in dem Versuch, mit Händen und Unterarmen die angelaufenen Fensterscheiben, eben noch willkommene Bollwerke gegen den eisigen Polarwind, frei zu bekommen. Glück haben diejenigen, die weiter vorn im Fahrzeug sitzen. Denn von dort nähert er sich. Zunächst nur schemenhaft gegen den dunklen Abendhimmel zu erkennen, bewegt sich das Tier langsam auf den Wagen zu.

Chris bremst den 250-PS-starken Tundra Buggy ab, nimmt den Gang heraus, der Motor brummt nur noch leise. Kein Laut ist ansonsten in der Kabine zu hören, hat es sich doch mittlerweile bis zur letzten Sitzreihe herumgesprochen, dass „ein Bär“ auf das Fahrzeug zusteuert. Jeder hält den Atem an, als zuerst die Pranke des weißen Riesen den Lichtkegel des Scheinwerfers berührt. Ohne Scheu tritt der Gigant in die Helligkeit und hebt seine spitze Nase in die Höhe, um schnuppernd die fremden Gerüche aufzufangen. Und wie zur Begrüßung senkt er den Kopf. Der Herrscher der Arktis, der Eisbär, heißt seine Gäste willkommen. 36 Männer und Frauen aus aller Welt sind in sein Wohnzimmer, die Hudson Bay im Norden der kanadischen Provinz Manitoba, gekommen, um ihn und seine Verwandten in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten.

Eine Kamera klickt, der Blitz wirkt wie ein Startschuss. Nun gibt es kein Halten mehr. Hundertfach werden die Lichtstrahlen der Fotoapparate von der Frontscheibe zurückgeworfen. Im Wageninneren ist der Kampf um die besten Plätze für das beste Foto ausgebrochen. Es wird geschubst, leise Flüche sind zu hören. Völlig unbeeindruckt davon zeigt sich das Tier. Es schnüffelt kurz an einem kleinen, dünnen Zweig, leckt an der dünnen Schneeschicht, die den Dauerfrostboden bedeckt, und bewegt sich bedächtig um den Buggy herum.

Der Eisbär macht keinerlei Anstalten, sich wieder zu trollen. Zu interessant ist das, was sich ihm da zu später Stunde in den Weg gestellt hat. Also nimmt Fahrer Chris die Sache in die Hand. Langsam gibt er Gas und die überdimensional großen, profilstarken Reifen des Fahrzeugs krallen sich in Stein und Eis der Tundra. Das weiße Tier wird zum Schatten und verschwindet schließlich ganz aus dem Blickfeld. Der Bann ist gebrochen.

Für die Touristen, die sich noch bis vor wenigen Stunden nicht kannten, gibt es nur ein Thema: Eisbären. Was erwartet sie in den Weiten der arktischen Ebene? Werden sie noch mehr dieser faszinierenden Lebewesen sehen? Am Horizont tauchen Lichtpunkte auf, wie an einem Faden zu einer Kette geschnürt. Für zwei Nächte ist die „Tundra Buggy Lodge“ Schlafplatz, Wohnzimmer, Café und Restaurant in einem. Langsam setzt Chris den Buggy rückwärts an die Lodge und „dockt“ an. Ohne auch nur einen Fuß auf den weiß glitzernden Boden zu setzen, betreten die Gäste das Hotel auf Rädern.

Eng ist es hier. Die zwei Wagen erinnern an Schlafwagenabteile alter Züge. Links und rechts befinden sich, von Vorhängen getrennt, die Betten. 18 Personen sind in einem Wagen untergebracht, in dem ein Ölofen sein Bestes gibt, um das Gefühl von Wärme und Geborgenheit zu vermitteln. Eine Toilette, eine Dusche, mehr Komfort ist nicht zu erwarten. Aber wer denkt hier, mitten in der Wildnis, schon an ein Fünf-Sterne-Hotel. Über Plattformen geht es in den Restaurantwagen, wo die Reisenden liebevoll gedeckte Tische erwarten. Das Drei-Gänge-Menü wird bei Kerzenschein
serviert. Chris verwandelt sich in den Kellner und sorgt mit zwei weiteren Angestellten für das leibliche Wohl.

Doch kaum ist die Vorspeise serviert, wieder ein Ausruf: „ein Bär!“ Vereinzelt schwappt etwas Salatsoße auf die weiße Tischdecke, als die Gäste aufspringen. Eigentlich sind es ja drei Tiere, die da aus dem Dunkeln kommen. Vorbei ist die romantische Stimmung eines Candlelight-Dinners. Es wird gedrängelt und geschoben, der ein oder andere holt schon beim Laufen seine Kamera heraus.

Klick, klick, klick. Die besten Bilder lassen sich auf den Plattformen zwischen den Wagen machen. Hier pfeift der Wind eiskalt, die Hände am Auslöser werden schon nach Sekunden klamm. Plötzlich verstummen die „ahs“ und „ohs“, die Ausrufe des Entzückens, „wie süß!“. Zwei Eisbären-Männchen beginnen im Lichtschein der Wagen zu rangeln, kneifen sich verspielt in den dicken Pelz, rollen übereinander, trennen sich wieder.

Einer der beiden entdeckt schließlich etwas sehr viel Spannenderes: Menschen. Er schaut nach oben. Unerreichbar sind sie für den Giganten in den hohen Wagen. Dennoch nähert er sich, die Nase schnuppernd in die Höhe gestreckt. Auf einmal stellt er sich auf seine Hinterbeine und lehnt seine Pranken an die Seitenwand. Eine leichte Erschütterung ist zu spüren. Auge in Auge mit dem Herrscher der Arktis, das ist es, wofür Amerikaner, Engländer, Spanier und Deutsche den weiten Weg zur Hudson Bay auf sich genommen haben. Die dunklen Knopfaugen, das dicke, weiße Fell, die schwarze Nase, der Eisbär ist so nah, sieht so „süß“ und „knuddelig“ aus. Man könnte beinahe vergessen, dass es sich um eines der gefährlichsten Landraubtiere der Welt handelt.

„Ursus maritimus“, Meerbär, lautet sein lateinischer Name. Die Ureinwohner, die Inuit, nennen ihn „Nanook“ und sagen, er habe übernatürliche Kräfte. Über welche Kräfte der Eisbär tatsächlich verfügt, kann man nur erahnen. Geschätzte 2,80 Meter misst der weiße Riese, der da vorwitzig seine Nase in Richtung der Touristen streckt. Um die 300 Kilogramm dürfte er wohl wiegen. Ein bisschen mager sieht er bei genauerer Betrachtung aus. Kein Wunder. Er hungert.

Von Juli bis November muss der Jäger von seinen Fettreserven zehren. Wenn das Eis in der Hudson Bay im arktischen Frühling schmilzt, endet für den Eisbären die Jagdsaison. Bis dahin hat er sich den Bauch mit Ringelrobben, seiner Hauptnahrung, voll geschlagen. An Land findet er dann nur noch Beeren, kleinere Tiere oder manchmal den Kadaver eines Beluga-Wales. Die Jahreszeiten bestimmen das Leben des Tieres. Und so fühlt er instinktiv beim Einsetzen der Herbststürme, dass es Zeit ist, sich in Richtung Norden, in Richtung Cape Churchill, aufzumachen. An dieser Stelle fließt Frischwasser aus dem Fluss in die Bucht und lässt das Wasser zuerst gefrieren. Die Zeit des Fastens ist dann vorbei, die Jagdsaison auf dem Eis eröffnet.

Bärenalarm in Churchill

Von überall her machen sich die Eisbären auf den Weg nach Norden, auf einer uralten Route. Diese führt entlang der Küste und streift die einzige menschliche Siedlung in dieser unendlichen Weite: Churchill. Das 1000 Einwohner zählende Städtchen, das nur mit dem Zug oder Flugzeug zu erreichen ist, hat sich selbst den Titel „Polar Bear Capital of the World“ (Welthauptstadt der Eisbären) gegeben.

Die Menschen haben gelernt, in Nachbarschaft mit den weißen Jägern zu leben. Kein Haus in der Kleinstadt ist abgeschlossen, die Autos ebenfalls nicht. Nur für den Notfall, falls sich ein Eisbär auf der Suche nach Nahrung einmal in den Ort verirren sollte. Dann ist Bärenalarm und die Mitarbeiter der Naturschutzbehörde von Manitoba rücken aus. Oft lässt sich Meister Petz mit kleinen Stahlkügelchen oder lauten Geräuschen vertreiben. Ist er partout uneinsichtig und beharrt auf seiner Präsenz, werden die Betäubungsgewehre gezückt. Dann verschwindet das Tier für mehrere Tage im „Bären-Knast“.

Die alte Flugzeughalle ist eines der wenigen Überbleibsel, die noch an den amerikanischen Militärstützpunkt an der Hudson Bay erinnern. Hat der vierbeinige Gefängnisinsasse seine Strafe abgesessen, wird er erster Klasse ausgeflogen. Es ist ein besonderes Schauspiel, zu beobachten, wie ein so mächtiges Tier wie der Eisbär, betäubt und schlaff wie ein Bettvorleger, in einem Netz unten an einem Helikopter hängend in den blauen Himmel der Arktis verschwindet. Weit draußen in der Wildnis wird er abgesetzt. Und hat hoffentlich ihre Lektion gelernt, künftig einen Bogen um die Siedlung der Menschen zu machen.

Für die Einwohner Churchills ist der weiße Räuber und seine Anziehungskraft auf Touristen zwar die Haupteinnahmequelle, doch vergessen sie nie, dass es sich hier um ein Raubtier handelt. Der „ursus maritimus“ steht am Ende der Nahrungskette. Feinde kennt er nicht. Und die Menschen, die von Ende September bis Mitte November in großen brummenden Fahrzeugen hinaus in die Wildnis gefahren werden, um ihm einen Besuch abzustatten, gehören für die Tiere schon längst zum Alltag.

Im Vergleich zu der unendlichen Weite der Tundra im Norden Manitobas ist das Gebiet, in dem die Fahrzeuge der „Frontiers North Adventures“ unterwegs sind, eher klein. „Wir benutzen die alten Wege, die von den US-Amerikanern für ihre Militärfahrzeuge angelegt wurden“, erklärt Firmeninhaber Merv Gunter. Die Eisbären müssen daher nicht zwangsläufig dem Menschen begegnen. Und dem Gerücht, dass die weißen Jäger für die Touristen durch Futter angelockt werden, tritt Gunter entschieden entgegen. „Das Füttern der Tiere ist strengstens verboten“, betont der Kanadier. Einmal, so erzählt er, habe eine Frau ein Stück Schokolade aus dem Fenster eines Buggy direkt vor die Nase eines Bären geworfen. „Weil er so verhungert ausgesehen habe. Für sie war das Abenteuer mit dem Herrscher der Arktis zu Ende.“

Die Sonne geht über der Hudson Bay auf. Unter den Gästen der „Tundra Buggy Lodge“ gibt es keine Langschläfer. Zu aufgeregt sind sie, was der Tag bringen wird. Ein kleines Fensterchen in den Schlafkabinen, kaum größer als ein DIN-A-4-Blatt, gibt den Blick auf die schneebedeckte Einöde frei. Und nur einen Steinwurf entfernt trollt sich ­ ein Eisbär. Auf dem Weg zum Restaurantwagen zählen die Touristen allein neun Tiere. Und wie, als ob sie nur auf die verschlafenen Zweibeiner gewartet hätten, beginnen zwei Männchen in der Nähe der Lodge im hellen Morgenlicht ein Scheingefecht.

Das Schauspiel ist atemberaubend. Die Kolosse stellen sich auf die Hinterbeine, die mächtigen Körper prallen aufeinander, die Mäuler sind weit aufgerissen. Sie trennen sich, nur um sich gleich wieder aufeinander zu stürzen. Schweigend beobachten die Männer und Frauen den Kampf der Eisbären, tief beeindruckt von der Urgewalt und Kraft, aber auch der Eleganz. Unsanft holt Chris die Zuschauer in die Realität zurück. „Die spielen nur!“ Es ist keine Paarungszeit und somit begegnen sich die Eisbären nicht als Rivalen, sondern als Sparringspartner.

Nur wenige Wochen später können diese Kämpfe unter Männchen blutig enden. Das bisschen Schnee, das auf dem Dauerfrostboden liegen geblieben ist, staubt wie Zucker, als die Tiere erneut übereinander rollen. In den Wagen und auf den Plattformen herrscht nach wie vor Stille. Staunend und ehrfurchtsvoll schauen die Menschen dem Spektakel zu, nehmen jedes Detail dieses unvergleichlichen Erlebnisses auf. Der Abschied fällt schwer vom Herrscher der Arktis.

Alle Bilder: Kerstin Wahl

Erschienen: Zeitungsgruppe Zentralhessen (Gießener Anzeiger, Usinger Anzeiger, Kreis Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger, Gelnhäuser Tagblatt)
Journal der Verlagsgruppe Rhein-Main

     
 
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