
General Custer zieht in die Schlacht. In Hardin wird einmal im Jahr das letzte Gefecht zwischen Soldaten und Indianern nachgestellt. Geschichte wird lebendig.

Staub wirbelt auf unter der heißen Sonne Montanas, wenn Soldaten gegen Indianer in die Schlacht ziehen.

In Planwagen ziehen die Siedler ,wie vor hundert Jahren, über die Prärie.

Die Crow-Indianer halten ihre Traditionen hoch. Zu besonderen Anlässen ziehen die kleinen Mädchen ihre traditionellen Kleider an und tragen Kopfschmuck.

Zum Grand Ball am Vorabend des letzten Gefechts erscheinen die Gäste in historischen Kleidern und tanzen den Virginia Real.

Phillipsburg ist eine Goldgräberstadt. Hier wird Geschichte lebendig. Selbst die Schaufenster der kleinen Geschäfte sind auf alt gestylt.

Ein Schmied zeigt in Virginia City an den Wochenenden im Sommer seine Handwerkskunst.

Auf die Postkutsche muss man in Virginia City nicht lange warten.
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MONTANA. Sein Lächeln bleibt freundlich, auch wenn er ein bisschen überrascht die Augenbrauen hochzieht. George Armstrong Custer behält die Contenance, als auf dem feierlichen Ball in Hardin um ein Haar eine vollbusige Dame vor seinen Füße landet. Das ungewohnt lange Rüschenkleid und die Aufregung sind wohl doch etwas zu viel: Sie strauchelt, fällt aber nicht. Ihr Begleiter kann sie noch rechtzeitig davor bewahren, vor einem der wohl berühmtesten Söhne Amerikas in die Knie zu gehen.
Das Paar, das General Custer zu Ehren den beschwerlichen Weg nach Montana auf sich genommen hat, gehört zu einer Gruppe von rund 200 Frauen und Männern, Kindern und Jugendlichen, die gemeinsam 128 Jahre in die Vergangenheit gereist sind. Genauer gesagt ins Jahr 1876, dem Jahr, in dem Custer und sein 264 Mann starkes Regiment in der legendären Schlacht am Little Bighorn von den Sioux und Cheyenne vernichtend geschlagen und getötet wurden.
„Living history“, Geschichte wird lebendig: Immer im Juni, in Hardin, einem Ort in der endlosen Weite der Prärie des amerikanischen Staates Montana, treffen sich Alt und Jung, um das letzte Gefecht Custers noch einmal zu wiederholen. Doch einen Tag vor der entscheidenden Schlacht gegen die Indianer wird noch einmal eine rauschende Ballnacht gefeiert.
Amerikaner aus allen Teilen des Landes, Touristen aus aller Welt und die Einwohner Hardins kommen zusammen, um General George Armstrong Custer und seiner Gemahlin ihre Aufwartung zu machen und anschließend zur Musik der James „Family Fiddlers“ Walzer oder den Virginia Real zu tanzen. Um bei einem solchen „Zeitsprung“ dabei sein zu dürfen, ist das richtige Outfit, die entsprechende Kleidung, Pflicht. Und es ist erstaunlich, was so manch ein Bürger der Gegenwart im Schrank aufbewahrt.
Für diejenigen, für die der Ballbesuch ein einmaliges Erlebnis bleiben wird, gibt es einen Kostümverleih in der Stadt. Frauen tragen farbenprächtige, mit Rüschen verzierte Kleider, Männer kommen entweder in Uniform der Bürgerkriegsarmee oder in Anzügen, die nach Vorlagen des späten 19. Jahrhundert geschneidert wurden. Allen Ballbesuchern, die sich in einer Tanzstunde am Vorabend des „Grand Ball“ auf den historischen Auftritt vorbereitet haben, ist eines gemeinsam: Sie versuchen in der ungewohnten Kluft und auf der Tanzfläche durchaus würdevoll auszusehen. Was eben mal mehr, mal weniger klappt.
Obwohl General Custer, pardon, Tony Austin, der mit seinem langen Haar, dem Schnurrbart und seiner hageren Gestalt dem echten Custer verblüffend ähnlich sieht, weiß, dass er am nächsten Tag sterben muss, ist er einer der letzten, die den Ball gutgelaunt verlassen.
Die Sonne brennt unbarmherzig am Tag des „Last Stand“, des letzten Gefechts. Über 40 Grad zeigt das Thermometer auf der Tribüne in der Nähe des Schlachtfeldes, das etwas außerhalb Hardins liegt. Die Akteure des, zugegebenermaßen recht außergewöhnlichen, Geschichtsunterrichts, den die Amerikaner „Reanactment“ nennen, sind bereits vor Ort. 50 Indianer in voller Kriegsbemalung, 20 Siedler auf von Pferden gezogenen Planwagen und selbstverständlich Tony Austin als General Custer mit seiner allerdings auf 50 Mann reduzierten Kavallerie. Sie alle sind bereit, in den Krieg zu ziehen.
Allesamt sind Laienschauspieler, bekommen nur eine geringe Aufwandsentschädigung für ihren Auftritt in der Gluthitze Montanas. Marcus Gress schlüpft für ein paar Stunden in die Rolle eines Soldaten. Auf die Frage, ob er nervös ist, antwortet der 45-Jährige lapidar: „It's easy to die!“ („es leicht, zu sterben“). Und er ist einer der ersten, die in der Schlacht am Little Bighorn im 21. Jahrhundert sterben. Am Ende verlassen die Indianer als Sieger das Schlachtfeld, auf dem überall Männer in blauen Uniformen liegen. Mitten unter ihnen General Custer. Nach dem der Erzähler geendet hat, die Musik verstummt ist und der Applaus aufbrandet, stehen die Soldaten auf und klopfen sich den Staub aus der Kleidung.
Glücksritter auf Goldsuche
In Montana sind „Zeitsprünge“, wie die in Hardin, in vielen Gegenden des Landes möglich. Der viert größte Staat Amerikas, der größer ist als Deutschland, aber noch nicht einmal 1 Million Einwohner zählt, bietet viele Möglichkeiten, von der Gegenwart über viele Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit zu reisen, eben „back in the old days“.
Es ist wie ein Spaziergang durch die Geschichtsbücher der Vereinigten Staaten. Und nicht nur die Zeiten der Indianerkriege und General Custers leben in den Sommermonaten wieder auf.
Zwei Männer, die unzertrennlich mit der Erforschung und Besiedlung des Westens verbunden sind, sind Meriwether Lewis und William Clark. Sie starteten im Jahr 1803 ihre Expedition in ein unbekanntes Land. Und auch ihre Erlebnisse werden in der Gegenwart lebendig. Auf den Spuren dieser Pioniere kann man wandeln. So gibt es zum Beispiel in der Nähe von Whitehall im Sommer eine Produktion „Lewis & Clark, Then and Now“. Hier taucht ein, wer mehr über die Expedition erfahren möchte. Es wird von Zusammentreffen mit Indianern ebenso berichtet, wie über den täglichen Überlebenskampf dieser wohl recht mutigen Männer.
Einst lockten die Bodenschätze Montanas Siedler und Goldsucher in den Wilden Westen. In Phillipsburg zum Beispiel ernährten die Minen mit ihren Goldvorkommen und Saphiren die Glücksritter. Heute ist das kleine Städtchen eine Touristenattraktion. Die alten Gebäude sind liebevoll restauriert worden. Allerdings ist es nicht mehr das glänzende Metall, das die Massen anzieht, sondern das „Sweet Palace“. Der Laden ist voll gestopft mit Süßigkeiten aller Art. Mit grellbunten Farben und in unglaublichen Geschmacksrichtungen verführt Inhaberin Shirley Beck ihre Besucher. Und das Besondere: Der größte Teil der Leckereien wird noch nach Originalrezepten und auf Maschinen aus dem späten 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts, hergestellt. Ein Genuss.
Lebendige Geschichte findet man auch in Virginia City. Die malerische Stadt bietet mit dem nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Nevada City eine wunderschöne Kulisse für Zeitreisende. An den Wochenenden im Sommer kommen aus allen Himmelsrichtungen Männer und Frauen zusammen, die in historischen Kostümen die Straßen bevölkern. Einfach so, weil es Spaß macht.
Einer, der immer anzutreffen ist, ist „Blacksmith“ Jon Scott. Er entfacht in seiner kleinen Schmiede am Ende der Hauptstraße von Virginia City ein Feuer, mit Kohle versteht sich, und zeigt den Touristen seine alte Handwerkskunst. Und wenn er sich eine Pause von seiner Schweiß treibenden Arbeit gönnt, sitzt er gerne am Lagerfeuer mit einer blau-weißen Blechtasse voll mit duftendem Kaffee und unterhält sich mit den Besuchern über die „old days“, die alte Zeit.
Text und Bilder: Kerstin Wahl
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